übrigens Göthe ſelbſt ein leichtſinniges nennt, nicht aus Sinnlichkeit liebe,*) ſondern daß ſie ihn, eben weil er Egmont ſei, liebe, als keine Bemäntelung an; legen wir auf all das als nicht zweifellos kein zu großes Gewicht: ſo iſt ſchon ihr Benehmen gegen Brackenburg ein unzartes nicht bloß, ſondern ein ſittlich häßliches. Brackenburg, ein träumeriſcher Tölpel, bleibt ungeachtet des offenkundigen Verhältniſſes zwiſchen Clär⸗ chen und Egmont derſelben mit ungeſchwächter Liebe zugethan, fort und fort auf Ge⸗ genliebe hoffend. Ein ſolcher Mann iſt keiner Liebe werth. Allein das gerade bringt Clärchen nicht in Anſchlag. Sie geſteht im Gegentheil ihrer Mutter, ſie wiſſe nicht, wie ſie ſich gegen ihn betragen ſolle; ſie mache ſich Vorwürfe, daß ſie ihn betrüge und in ſeinem Herzen vergebliche Hoffnung nähre; ſie wolle nicht, daß er hoffen ſoll, doch könne ſie ihn auch nicht verzweifeln laſſen.**) In ſolch unedlem Betragen verharrt ſie. Sie benutzt ihn zu allerlei Dienſtleiſtungen, ſelbſt im Intereſſe Egmonts. Sie muthet ihm zu, nach ihrem Tode für ihre Mutter zu ſorgen, überreicht ihm aber zu⸗ letzt, als ſie Gift genommen, den Reſt deſſelben mit dem Anheimſtellen, ihr auf dieſem Wege zu folgen oder— auch nicht. Ein ſolcher Charakter iſt weder naiv noch liebens⸗ würdig, ſondern ſittlich unſchöhn. Ob Brackenburg, wie Roſenkranz***) meint, den Reſt des Giftes getrunken, iſt nicht geſagt, hoffen wir aber, daß er auch diesmal ſich eines Beſſeren beſonnen haben wird, wie er früher einmal den Tod im Waſſer geſucht, ſich aber durch Schwimmen gerettet und ſpäter, als Clärchen ihm ein Giftfläſchchen weg⸗ genommen, ſich kein anderes verſchafft hatte.
Thekla, welche den verbrecheriſchen Plänen ihres ehrgeizigen Vaters fern ſteht und ohne allen Einfluß auf ſeine Abſichten und Handlungen bleibt, gehöre, ſo meint man gewöhnlich, gar nicht in dieſe ſceniſche Handlung. Iſt ſie aber nicht viel⸗ mehr der gute Engel, das verkörperte Gewiſſen gleichſam inmitten der ſie umgebenden ſündigen Welt, †) das vom Dichter beabſichtigte Gegenbild namentlich der Gräfin
*) Richtig bezeichnet Cholevius a. a. O. II, p. 283 dieſe Liebe als eine ſolche, die doch nach einer gewiſſen Kurzweil ſchmeckt.
**) Lewes(a. a. O. II, p. 97) nennt dieſe Scene„aus dem Leben gegriffen und vorzüglich gezeichnet.“ Letzteres iſt gewiß wahr und erſteres leider auch; nur daß er Brackenburgs Neigung fuͤr geduldig harrende Liebe und Clärchens Betragen für Mitleid hält, heißt letzterer zu viel Ehre anthun.—
**) a. a. O. P. 224.
†) Trefflich ſagt Tieck(a. a. O. p. 72):„In dieſer reinen Liebe und wahren Na⸗ tur ſoll ſich die ganze Verwerflichkeit jener düſter verworrenen Pläne ſpiegeln.“


