Aufsatz 
Über einige weibliche Charaktere in Schillers Dramen
Entstehung
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Gott nicht ergetzen?Dieſes Bischen Leben dürft ich es hinhauchen in ein leiſes, ſchmeichelndes Lüftchen, ſein Geſicht abzukühlen! Dies Blümchen Jugend wär es ein Veilchen und er trete darauf, und es dürfte beſcheiden unter ihm ſterben u. ſ. w. Dann aber weiſet ſie im Widerſpruch mit dem vorigen ſchemenartigen, in dem Anſchauen Ferdinands gleichſam aufgegangenen Seelenzuſtande ſeinen Vorſchlag zur Flucht aus Furcht vor dem Fluche des Vaters mit verſtändiger, faſt kalter Reſignation zurück.*) Später läßt ſie ſich durch den Böſewicht Wurm zu dem grauenvollen, lügenhaften Briefe an den Herzog verleiten, hält den frevelhaften Schwur für bindend und verſchweigt, bis es zu ſpät iſt, dem mit Recht ſich getäuſcht fühlenden Ferdinand dieſen Betrug nicht allein, ſondern fordert(inconſequent wie Amalie) in ſolch qualvoller Seelenſtimmung ihn ſogar auf, ſie zu accompagniren oder ihr Revanche auf dem Schachbrette zu geben. Hoffmeiſter will mit den Worten:Man darf nur an Göthes Clärchen im Egmont denken, um es mit einem Schlage zu fühlen, wie gänzlich Luiſe verfehlt iſt, doch wohl nur ſagen, daß er den an Luiſen vermißten naiven Charakter in Clärchen richtig dargeſtellt finde, ſowie Roſenkranz**) meint, daß Clärchens Liebenswuͤrdigkeit noch niemand habe läugnen können. Daß Luiſe nicht naiv, d. h.der Natur entſprechend und die Kunſt beſchämend genannt werden kann, iſt ſehr wahr; auch weiß ich nicht, was manche unter die immerhin dehnbaren, viel oder wenig ſagenden Begriffe von Nai⸗ vetät und Liebenswürdigkeit unterbringen mögen; wenn aber, wie ich glaube, bei bei⸗ den die zarte Grerzlinie der ſittlichen Güte in keiner Beziehung überſchritten werden darf, dann dürfte Clärchen wohl zu wenig diesſeits gefunden werden, als daß ihr wie einem Ideale oder Muſterbilde von liebenswürdiger Naivetät gehuldigt werden könn⸗ te.***) Wollen wir auch unbeachtet laſſen, was Zuträgerei dem Brackenburg über die Beſuche Egmonts ins Ohr raunte; legen wir ferner dem Tadel der eignen Mutter, von welcher Clärchen ein verworfenes Geſchöpf genannt wird, keinen ſo entwürdigenden Sinn unter, daß wir mit einigen Freunden Göthes ſie geradezu für eine Dirne halten; ſehen wir endlich auch Göthes eigne Erklärung, daß Clärchen Egmont, deſſen Handeln

*) Hoffmeiſter(a. a. O. I, p. 194) meint, ihr eigner Vater hätte es ihr beſſer ſa⸗ gen können:Das Mädel muß lieber Vater und Mutter zum Teufel wünſchen, als ihren Geliebten fahren laſſen.

**) a. a. O. p. 219. **α*) Wie ganz anders, wie naiv aus jener Zeit herüber lächelt uns Krimhildens freiwilliges, affectloſes Geſtändniß an(Strophe 837): Daz hat mich sit gerouwen, sprach daz edle wip. Ouch hat er so zerblouwen dar umbe minen lip. Daz ichz ie gereite, daz beswarte im den muot. Daz hat wol errochen der degen küene unde guot.