Aufsatz 
Über einige weibliche Charaktere in Schillers Dramen
Entstehung
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ſtimmen und hinreißen laſſen, daher ſehr leicht auch aus der Empfindſamkeit in die Kehr⸗ ſeite derſelben, in Leidenſchaftlichkeit, übertreten.

Anders ſteht es um Bertha im Fiesko. Nachdem ſie von Gianettino Ge⸗ walt erlitten, fühlt ſie ſich anfangs durch die Zärtlichkeit des heimkehrenden Vaters zu Boden gedrückt, ſucht aber dann nach erfolgtem Geſtändniſſe die leichenblaſſe Wuth des⸗ ſelben zu beruhigen. Auf ſeine ſchrecklichen Worte:Hole mein Schwert herbei, bet ein Vater unſer, erwidert ſie:Mir iſt ſehr bange, mein Vater, und auf die Frage: Höre Bertha, was ſagt Virginius zu ſeiner verſtümmelten Tochter? antwortet ſie zuſammenſchaudernd:Ich weiß nicht, was er ſagte. Als derſelbe dann plötzlich das Schwert ergreift, fällt ſie ihm mit den Worten:Großer Gott! Was wollen ſie thun? in die Arme. Entſpricht das nicht alles ihrer ſchuldlos gekränkten Weiblichkeit ohne jede Spur von ſchwächlicher Sentimentalität? Oder hätte ſie ſich ſelbſt erdolchen oder zu dieſem Zwecke dem Vater das Mordmeſſer in die Hand geben ſollen? Das wäre unbeſtritten heroiſch, d. h. echt antikheroiſch geweſen. In Gegenwart der ſpäter ein⸗ tretenden Verſchworenen verharrt ſie, wie zu erwarten, lautlos; und erſt als ihr Va⸗ ter die Gräuelthat offen mittheilt, bricht ſie in die Worte aus:Sturzt über mich, Mauern! Mein Scipio! beim Erſcheinen des Bräutigams ſelbſt aber verhüllt ſie ſich ſchweigend. Zum drittenmal treffen wir ſie im Kampfgewühle. Das iſt, weil zweck⸗ los, nicht, was Hoffmeiſter darin findet, Heroismus.*) Eher grenzt es, weil ſie ohne ruhigen Bedacht der augenblicklichen Aufregung folgt, an Schwärmerei; im Grunde je⸗ doch iſt es nichts weiter als Seelenangſt um Burgognino, die ihr nirgends anderswo Ruhe läßt; ſie will, weibliche Schwäche und alles vergeſſend und keine Gefahr erwä⸗ gend, nur in ſeiner Nähe ſein. Aber ihr ſchelmiſcher Muthwille dem Burgognino ge⸗ genüber paßt nicht zu ihrem früheren tiefen, gerechtfertigten Seelenſchmerze. Beſſer iſt ihr Charakter in dieſer Scene, wie ſie für das Leipziger Theater 1785 abgeändert wurde, ſowohl im Schmerze als in der Freude über den Sieg feſtgehalten.

Luiſe in Kabale und Liebe erſcheint, abgeſehen von dem ruhig edlen Be⸗ nehmen bei der Unterredung mit der Lady Milfort, ihrem innerſten Weſen nach als ein in ſentimental ſinnlicher Sehnſucht aufgelöſter, faſt keines vernuͤnftigen Gedankens fähiger Charakter.Ach, ich vergaß, daß es noch außer ihm Menſchen giebt.Wenn meine Freude über ſein Meiſterſtück mich ihn ſelbſt überſehen macht, Vater, muß das

*) Ganz anders bei Göthes Dorothea, die zur Rettung des Theuerſten ſich männlich vertheidigt.Göthe hat in ſie einen heroiſchen Zug gelegt, allein er hat keine Amazone aus ihr gemacht. Roſenkranz, Göthe und ſeine Werke p. 328 flgd.