Aufsatz 
Über einige weibliche Charaktere in Schillers Dramen
Entstehung
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für ſich ihn uns verächtlicher machen und er dadurch an Achtung mehr verlieren könnte. Eben ſo wenig liegt weder in dem momentanen Inſichgehen und Selbſtbeſchauen und der daraus entſpringenden, wenn auch fruchtloſen Zerriſſenheit und aufflackernden Sehn⸗ ſucht nach wahrer inneren Ruhe noch in den ſtürmiſch ausgeſtoßenen, angſtgepeinigten Worten deſſelben etwas von Sentimentalität. Reue an und für ſich aber iſt nie und nimmer Sentimentalität. Ein in ſündhaftwidriger Sentimentalität befangener Charak⸗ ter dagegen iſt z. B. Clavigo, jener eitle, ſinnliche Schwächling, der nach Ehre und Anſeben, kurz eine große Rolle in der Welt zu ſpielen ſtrebt und deshalb zwiſchen dop⸗ peltem Verrath und alter Liebe ſo lange hin und her ſchwankt, bis er bei der Leiche der durch ſeine Treuloſigkeit gemordeten Braut mit dem Geſtändniſſe ſeiner Schuld im Zwei⸗ kampfe fällt. Aehnliches finden wir bei Egmont und anderen Charakteren Göthes. Lews*) ſagt in Bezug auf Egmont:Der Moral widerfährt kein Unrecht mit unſerer Neigung für liebenswürdige Sünder. Das war leider auch der Geſchmack jener Zeit; denn da⸗ mals gab es in unſerer Literatur liebenswürdige Unſchuldsſchänder, Maitreſſen und der⸗ gleichen ſittlichen Abſchaum die Hülle und die Fülle.Die Kunſt und die Decenz ha⸗ ben nichts gemein lautete, dem ganz entſprechend, der äſthetiſche Grundſatz eines nam⸗ haften Kunſtrichters. Doch prüfen wir dieſe Charakteriſtik an den oben genannten Frauen in Schillers Dramen einzeln und näher.

Amalie, die in Ueberſpannung und Schwärmerei zerfließende Braut Carl Moors, gehört mit Ausnahme von einigen ernſtbeſonnenen Augenblicken ihrem ganzen Weſen nach zu der tadelnswerthen ſentimentalen Gattung, zu jenen blaſſen Mondſchein⸗ ſeelen, die in ewiger Sehnſucht nach ihren Phantaſiegebilden überall den Boden der Wirklichkeit verlieren und ohne jedes vernünftige Wollen und Handeln bleiben. Ja, jene Inconſequenzen ſelbſt, daß ſie bis zur Rohheit, den Franz zu ſchlagen, ſich ver⸗ gißt; ihm, den ſie durch den häuslichen Umgang genau kennt und mit Recht verachtet, in der Lüge wegen des liederlich weggegebenen Ringes gleichwohl Glauben ſchenkt; ihm ſogar, als er, edle Bruderliebe heuchelnd, den vom Vater verſtoßenen Carl lobt und retten zu wollen vorgiebt, mit den Worten:Bruder meines Carls, beſter, liebſter Franz um den Hals fällt; dann wieder ihre tiefe Verachtung gegen ihn ausſpricht; ſpäter aber von neuem auf ſein Lügengewebe eingeht: all dieſe Inconſequenzen ſind in der krankhaften Empfindung begründet, weil Menſchen, die von der Wirklichkeit ſich ablöſen, beſonnene Urtheile einbüßen und ſich nur durch augenblickliche Aufregungen be⸗

*) Göthes Leben und Schriften, überſetzt von Freſe II, p. 92.