Aufsatz 
Über einige weibliche Charaktere in Schillers Dramen
Entstehung
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Dergleichen falſche Richtungen machten ſich bekanntlich in jener ſüßwäßrigen, moraliſch blaſirten Zeit des vorigen Jahrhunderts überall geltend, damals, als z. B. die Damen den Dichter der Meſſiade erſuchten, denliebenswürdigen Teufel Abadonna zum Schluſſe ſelig werden zu laſſen; wie denn Sonnenberg in ſeiner Donatoa am Ende aller Dinge, um alles zu retten, als ſentimentaler Advocat des Buddhismus, den Teu⸗ fel ſelbſt ins Urnichts vergehen läßt, auf dieſe Weiſe alſo die Grundbedingung für das abſolut Böſe aufhebt, da mit Aufhebung der Eriſtenz jede Zeit der Ewigkeit gegenüber dem abſoluten Nichts gleich zu achten iſt; oder wenn der liebeswarme Ausdruck, der aus jugendlichem Herzen wohlthuend anſpricht, unter des Grafen Klingsberg ergrautem Haare uns anekelt. Es liegt auf der Hand, daß jene Grenzen, namentlich in der letz⸗ teren Beziehung verſchiebbar ſind. Wenn aber der Ueberſättigte die erhobene Aeußerung jedes reinern Naturgefühls, der Glaubensleere die der Frömmigkeit, der Rohe das Zurückweichen des zarten, der Frivole das des keuſchen Sinnes als tadelnswerthe Sen⸗ timentalität belächelt und verhöhnt, dann ſchilt ein ſolcher damit nur den Mangel an eigner Empfänglichkeit für das wahrhaft Gute, Große und Schöne.

Hoffmeiſter will das Wort unbedingt im Sinne Schillers verſtanden und ge⸗ gen jene Frauen faſt nur in tadelnder Beziehung ausgeſprochen wiſſen.*) Außerdem aber tritt er offen auch auf die Seite jener, die den Begriff und Vorwurf tadelnswer⸗ ther Sentimentalität in das Gebiet äſthetiſch und ethiſch berechtigter Gefühle ausdehnen; wie wenn er z. B. das durch Selbſterkenntniß herbeigeführte Zurücktreten aus mora⸗ liſcher Geſunkenheit auf ſittlich reinen Boden gleichfalls dahin rechnet. Am auffallend⸗ ſten geſchieht dieſes in ſeiner Beurtheilung des tief geſunkenen Franz Moor.**) Er meint, Franz werde vom vierten Acte ab ſentimental und weichherzig.Wie verirren ſich, ſagte er,ſittliche Schrecken in die Bruſt dieſes Teufels? Dieſe ſeine Verzweif⸗ lung macht ihn uns nur noch verächtlicher. Er verliert durch dieſen Kleinmuth nur an Achtung, die wir jedem(2) conſequenten Charakter zollen, ohne unſre Neigung zu gewinnen. Franz war ein dem Laſter in ſo hohem Grade anheimgefallener Menſch, daß ſein Gewiſſen lange Jahre verſtummte und erſt bei herannahender Gefahr und während der Unterredung mit dem Pfarrer Moſer erwachte. Daß nun der Ewigkeit Schrecken an die Wände ſeiner verruchten Bruſt donnern und er, freilich nur für Au⸗ genblicke und auch nur unvollkommen zum Bewußtſein ſeiner moraliſchen Geſunkenheit gelangt, iſt pſychologiſch ſo wenig unnatürlich, als dieſer Anflug von Umkehr an und

*) a. a. O. III, p. 71; I, p. 83, 187, 188; IV, p. 60; V, p. 172, 444. n) a. a. O. I, 74, 75, 82. 1*