Aufsatz 
Über einige weibliche Charaktere in Schillers Dramen
Entstehung
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Frauen die wenigſten der gezogenen Begrenzung zu entſprechen. Allerdings iſt der Be⸗ griff von Sentimentalität ein mehrfach ſchwankender und vieldeutiger. Bode erzählt in der Vorrede zu Yoricks empfindſamer Reiſe, daß Leſſing ihm das Wort empfindſam als Ueberſetzung von ſentimental empfohlen habe. Empfindſamkeit aber iſt nach Kant ein Vermögen oder eine Stärke, den Zuſtand ſowohl der Luſt als der Unluſt zuzulaſſen oder auch vom Gemüthe abzuhalten. Dagegen iſt Empfindelei eine Schwäche.*) Kehrein**) erklärt Empfindſamkeit alsallzu große Geneigtheit und Vergnügen an ſanften, rührenden Empfindungen, und wenn dieſe Geneigtheit mit dieſem ſonderbaren Vergnügen gar ſo uͤbermäßig wird, daß ſie bis ins Kleinliche geht und ſich auf dieſes wendet, ſo iſt ſie Empfindelei. Auch Eberhard***) unterſcheidet den Empfindſamen vom Gefühlvollen dadurch, daß die theilnehmenden Gemüthsbewegungen, die beiden zur Fertigkeit geworden, in dem Empfindſamen nur angenehm ſind; u. ſ. w. Schiller hat in ſeiner AbhandlungUeber naive und ſentimentaliſche Dichtung jenes Wort all⸗ ſeitig erläutert und am Schluſſe auf den Idealiſten angewendet. Er ſieht in zu ta⸗ delnder Beziehung darin die Verirrung ins Ueberſpannte, Verzärtelte und Phan⸗ taſtiſche, welche, wo ſie Caricatur wird, allen Charakter verläugnend und alles Geſetz hintanſetzend, nur der Laune, der Einbildungskraft folgt und die Freiheit in die Los⸗ ſprechung von moraliſcher Nöthigung ſetzt. Scherr) meint, daß Schiller die ſenti⸗ mentale Empfindungsweiſe als Baſtardſchößling der ſentimentaliſchen, als Empfindelei faſſe; allein damit iſt nur die eine von zwei thatſächlichen Ausſchreitungen bezeichnet.

Die Grundlage der Sentimentalität oder Empfindſamkeit iſt nämlich das Ge⸗ fühl, und zwar iſt Sentimentalität im allgemeinen das geſteigerte Gefühl. Ohne Ge⸗ fühl iſt Poeſie nicht denkbar. Auch das geſteigerte Gefühl, die Sentimentalität, beein⸗ trächtigt nirgends den Werth weder eines Charakters noch ſeiner dichteriſchen Darſtel⸗ lung, wenn die nothwendigen Grenzen nicht überſchritten werden. Dieſe Grenzen aber liegen nach zwei Richtungen hin. Das Gefühl darf nur dem Guten, Großen, Schö⸗ nen gelten und dieſen ſelbſt nur in naturgemäßer, d. h. dem Gegenſtande und der Per⸗ ſon angemeſſener Weiſe. Werden dieſe Grenzen verletzt, gilt das Gefühl entweder dem Gemeinen, Unbedeutenden, Häßlichen, oder ſteigert es ſich in objectiver oder ſubjectiver Hinſicht bis zur Unwahrheit, dann erſcheint das, was wir eine falſche, tadelnswerthe Sentimentalität nennen.

3 Grimm, deut. Wörterb. III, p. 431, 432. **) Onomat. Wörterb. p. 252. **) Synonym. Handwörterb. p. 260.

) Schiller und ſeine Zeit III, p. 75.