Aufsatz 
Über einige weibliche Charaktere in Schillers Dramen
Entstehung
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5 Ueber einige weibliche Charaktere in Schillers Dramen.

Was Tieck*), wie es ſcheint, zuerſt behauptet hat, daß Schiller in der Schö⸗ pfung ſeiner weiblichen Charaktere keine große Mannigfaltigkeit bewieſen, und daß man an der Individualiät bei den meiſten derſelben zweifeln könne, iſt oft wiederholt und, für einzelne Fälle nachweisbar, für dieſe klar nachgewieſen, manches**) aber auch ge⸗ rechtfertigt worden. Doch will Hoffmeiſter***) in dieſer Gleichartigkeit drei Haupt⸗ richtungen erkennen, in welchen ſich dieſelben zuſammenfänden, die ſentimentale, die heroiſche und die kaltverſtändige. Die erſte Form wiederhole ſich in verſchiedenen Nu⸗ ancen in Amalia, Bertha im Fiesko, Luiſe, Thekla, Beatrice, Bertha im Tell, in der Herzogin Wallenſtein und der Hedwig und vollende ſich in der Maria Stuart. Schon mehrere der genannten Frauen, namentlich die beiden Bertha, ſollen ſich zur zweiten Ordnung, zum heroiſchen Geſchlechte, neigen und Leonore ganz auf der Scheidelinie ſchwanken, an dieſe ſich die ſpaniſche Eliſabeth und die Schweizerin Gertrud anſchlie⸗ ßen; die Krone aber ſei Johanna. Die verſtändige, meiſt ehrgeizige Claſſe werde ge⸗ bildet von der Terzky, der engliſchen Eliſabeth, Iſabeau und Iſabella von Meſſina; Marfa im Demetrius würde in dieſer Gattung Muſterbild geworden ſein.

So wenig ſich im allgemeinen gegen dieſe) Gruppirung ſagen läßt, ſo ge⸗ wagt dürfte es ſein, für all jene Frauen gerade ſolche Charakterformen nachweiſen zu wollen; auch iſt das von Hoffmeiſter ſelbſt im einzelnen weder überall noch genügend geſchehen. Namentlich ſcheinen mir von den der erſten jener drei Gruppen eingereihten

*) Dramaturg. Blätter, Wien, 1826, I, p. 74, 76.

*½) Kurz, Handbuch der poet. Nationalliter. der Deutſchen, III, p. 310, 311. Der⸗ ſelbe, Geſchichte der deut. Literatur, III, p. 436. Palleske, Schillers Leben und Werke, I, p. 418 flgd.

***) Schillers Leben, Geiſtesentwickelung und Werke im Zuſammenhang, V, p. 307. ) Zutreffender jedoch ſcheint Cholevius(Geſch. der deut. Poeſie, II, p. 193) dieſe Frauengeſtalten in zwei Hauptformen zuſammenzufaſſen, jenachdem die Würde über⸗ wiegend oder die Anmuth vorherrſchend iſt. 1