Aufsatz 
Erzbischof Willigis von Mainz in den ersten Jahren seines Wirkens. Geschichtliche Abhandlung
Entstehung
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bar in der Erklärung von der Entstehung des Rades im Mainzer Wappen zu suchen. Da aber die erblichen Wappen als Geschlechtsbezeichnung erst in die Zeit nach den Kreuzzügen fallen und zu Siegeln nicht vor dem zwölften Jahrhundert gebraucht werden, ¹) so kann die Sage erst nach dieser Zeit entstanden sein, mag sie nun mit der Entstehung dieses Rades aufgewachsen, oder was wir bereits als nähere Vermuthung ausgesprochen, von einem Geistlichen(Dominikaner) des dreizehnten Jahrhunderts erfunden worden sein. Die Veranlassung, die ganze Geschichte zu erdichten, mag die Angabe Thietmars von der niedrigen Geburt des Willigis gegeben haben. Da man die eigentliche Bedeutung des Zeichens, das ursprünglich ein Doppel- kreuz, ²) umgeben von einem Heiligenschein, gewesen sein soll, nicht mehr verstand, so artete es allmählich in ein Rad aus, und zu dessen Erklärung griff man zu dem zurück, der in so wun- derbarer Weise aus geringem Stande aufgestiegen war. Noch auf die Unhaltbarkeit dieses Zugs in der Fabel, dass Heinrich II, Schätze in dem verschlossenen Zimmer vermuthend, die Oeffnung desselben erzwungen habe,(was übrigens an ein bekanntes orientalisches Märchen erinnert) hin- zuweisen, wird kaum nöthig sein.

Ueber das frühere Leben des Willigis ist ebenfalls wenig oder nichts bekannt, wenn auch. Tritheim eine bereits angeführte ausführliche Schilderung giebt, wie er in seiner Jugend in die Schule gesandt worden sei und wegen seiner Armuth mit andern Armen um milde Gaben habe betteln müssen, wie er dabei nach Kräften gearbeitet habe und zugenommen an Wissbegierde und an Wissen,so dass er unter den Gelehrten selbst ein Gelehrter wurde. Seine Persönlichkeit, sein ganzes späteres Wirken weisen allerdings auf eine ungewöhnliche Begabung hin, die wohl die Eltern veranlasste, ihn dem geistlichen Stande zu widmen. So mochten seine Fähigkeiten auch den nachherigen Bischof von Meissen, Folcold(Wolcoldus, Vocco), neben Ekkehard von St. Gallen und dem Grafen Huoto als Erzieher des jungen Otto II genannt, auf ihn aufmerksam ge- macht haben. Derselbe nahm sich mit der Liebe eines Vaters seiner an, und er darf wohl als der eigentliche Begründer seiner ganzen Zukunft angesehen werden.

Wir finden Willigis später als Canonicus zu Hildesheim(Chron. Hildesh. P. M. G. VII, 847). Dort, wo in der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts mit Bischof Otwin(954 984), vorher

¹) Ferd. Walter deutsche Rechtsgeschichte(Bonn 1853) p. 480. Eichhorn deutsche Staats- und Rechts- gesch chte(Göttingen 1819) II, p. 4760 ff

²) Ueber die Entstehung des Mainzer Rades vrgl. de rota S. Moguntinae sedis insigni dissertatio autore Ioanne Sebastiano Severo in Schunks Beiträgen zur mainzer Geschichte I, p. 146168. Er suchte zu beweisen, dass das Kurmainzische Wappen, ein weisses Rad in rothem Felde, nicht von Willigis, sondern aus einem in Mainzer Sigillen gebräuchlichen Kreuze herstamme. Auch Christ. Friedr. Airmannus de rota Moguntini Archiepiscopatus insigni, Giessae 1745 ist dieser Ansicht, dass das Rad lange nach Willigis erst aufkam und die ganze Geschichte eine Fabel ist. Nach Guden cod. dipl. I, 879 kommt das Mainzer Rad zuerst in einer Urkunde des Erzbischof Gerhard II(v. 1288 1308) vom Jahre 1294 vor.Est hic Gerhardus omnium Elec- torum primus, qui eam in medium produxit. Vrgl. noch Leibn. a. g. O., W9erner der Dom von Mainz I, 510.

3) Thietm. IV. 5(P. M. G. III, 769) Hunc(Willigisum) pro filio nutrit.