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das sagenhafte und anekdotenartige sich immer mehr in die Geschichte früherer Perioden ein- drängte und das historische wie Schlingpflanzen vollständig überwucherte und zu ersticken drohte, als an die Stelle wahrer Begebenheiten sich Mythen einnisteten, Lücken in dem Leben bedeuten- der Persönlichkeiten mit ganz willkührlichen Erdichtungen ausgefüllt*) wurden, ins Mass- und Sinn- lose ausgeschmückt und mit stets neuen, ganz aus der Luft gegriffenen Zusätzen versehen. Ganze Lebensgeschichten dichtete man zusammen, wie die Geschichte des h. Dysibod lehrt, die von der Nonne Hildegard nach angeblichen Visionen aufgezeichnet wurde.(Wattenbach Deutschlands Ge- schichtsquellen im Mittelalter p. 27, vrgl. auch Waitz über die Entwickelung der teutschen Hi- storiographie im Mittelalter in Schmidts Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. 2. Band Theil IV, S. 97— 112). So geht auch die ganze Erzählang vom Vater des Willigis und seinem Stande, und damit zusammenhängend von dem Ursprung des Rades im Mainzer Wappen nicht über das 13. Jahrhundert zurück. Als die Dominikaner zu schreiben anfingen,„um zu lehren, um Hand- bücher für ihre Disputationen und Vorrathskammern für ihre Predigten zu haben, wobei es ihnen nicht auf Urkunden, aber desto mehr auf allerlei Geschichtchen ankam, die sich gut anwenden liessen“(Wattenbach p. 423), da mochte diese Geschichte von Willigis ebenfalls aufgekommen sein, die ja manche gute Nutzanwendung zuliess. Nach den Erzäblungen des dreizehnten Jahr- hunderts also und die ganze spätere Zeit hindurch galt Willigis allgemein als der Sohn eines Wagenbauers, oder Stell- oder Rademachers, eines hamaxurgus, der, wie Serrarius hinzufügt, victus quotidiani causa rotas et plaustra conficere solebat.²) Nur Albericus in seinem chronicon macht diesen, wie Leibniz auführt(ann. 349) zu einem auriga„qui agit rotas, non qui facit.“
¹) Ganz besonders hat hierunter die Ottonenzeit leiden müssen. Haben Königin Adelheids allerdings wunderbare Lebensschicksale schon in ihres Freundes und Biographen Odilo, des Abtes von Clugny, epi- taphium Adalheidae(P. M. G. p. 638 u. 639) und bei Hroswitha(gesta Oddonis I imperatoris P. M. G. III, p. 328— 330) einen etwas legendenartigen Charakter, hat sich dies in späteren Quellen(chron. Novaliciense P. M. G. VII, 113, Bonizo de persecutione ecclesiae. Donnizo vita Mathildis Ducatricis. bei Leibn. script. rer. Brunsvic. I, p. 633 ff.) immer mehr gesteigert, so erscheint dies in noch höherm Grade bei den Kaisern. So 2. B. Ottos II angeblicher Sieg über die Sarazenen, nach der Niederlage in Calabrien 982 den 13. Juli, wes- halb er pallida mors Sarracenorum seu sanguinarius' später genannt wurde.(Sigfr. presbyt. bei Pistorius 4, 1033, Martinus Fuldensis chronic. in Eccard. corp. hist. med. aevi I, p. 1674, magn. chronic. Belgic. bei Pist. III, 93, chron. Engelhus. ed. Mader 183 und viele andere.) Seine gegen die Sarazenen gewonnene Seeschlacht in der Lüneburger Chronik bei Eecard I, 1535: De Kaiser Otto vor wider si unde stret mit in an de schepen up dem Mere. Der Heiden ward also vile geslagen, dat sic dat mere von der Heidenen Blude varwede.“ Vrgl. auch Botho chronic. Brunsvic. pictur. bei Leib. script. Brunsvic. III, 314, Corner chron. bei Eccard II, 545, die Geschichte vom Blutmahl in Gottfried von Viterbo Pist. II, 328 und andern. Bei Otto III die Sagen von seiner Erziehung, andere Ranke Jahrb. II, 2, 243. Das Mährchen von Conrad II und Heinrich III in Gotfr. von Viterbo Pist. II, 333, Martinus Minorita, Ece. I, 1615. Hierher gehört auch die Geschichte vom Erzbischof Hatto und dem Mäusethurm. Vrgl. Grimms deutsche Sagen zweiten Theil. 4
²) Cuno memorab. Schening. führt dies noch weiter aus: Pater namque ipsius exstitit hamaxurgus, seu carpentarius, ein Wagener, Stell- oder Rademacher, qui, victum ut sibi suisque quaeritaret honeste quotidi-
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