Aufsatz 
Die Schicksale der Juden zu Frankfurt a.M. während des Fettmilchschen Aufstandes / Isidor Kracauer
Entstehung
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Das große Publikum iſt geneigt, in der Anweſenheit eines Königlichen Kommiſſarius bei der Prüfung eine Erſchwerung derſelben zu ſehen. In Wirklichkeit bietet die Leitung der Prüfung durch einen erfahrenen und hervorragenden Fachmann, der dem Votum des Lehrerkollegiums immer die größte Beachtung ſchenkt, nur eine vermehrte Garantie der unbefangenen, ſachlichen Beurteilung und kommt erfahrungsmäßig den Prüflingen zu gute.

Von eingreifender Bedeutung ſind die den Lehrplänen beigefügten Angaben über das Lehrziel, die Lehraufgaben, die Hausarbeit und endlich die methodiſchen Bemerkungen. Es iſt nicht die Abſicht, hier auf dieſe Materien einzugehen; nur noch einen Hinweis halten wir für erforderlich.

5) Lateinlehrende und lateinloſe Schulen. Bis zum Jahre 1866 waren in Preußen die ſogenanntenberechtigten höheren Schulen bis auf ganz vereinzelte Ausnahmen lateinlehrende Schulen. Hier in Frankfurt war es umgekehrt, hier gab es im Oktober 1866 nur 2 Schulen, in denen Latein gelehrt wurde: das ſtädtiſche Gymnaſium und die Selektenſchule; das ſtädtiſche Gymnaſium hatte 162 Schüler, in der Selektenſchule waren 22, ſog. Gymnaſialſchüler, im ganzen alſo empfingen damals in unſern höheren Schulen 184 Schüler lateiniſchen Unterricht; alle übrigen höheren Schulen waren lateinloſe Schulen.

Das änderte ſich mit dem Eintritt Frankfurts in den preußiſchen Staatsverband: zwei lateinloſe Realſchulen wurden in Realgymnaſien verwandelt, die Frequenz des ſtädtiſchen Gymnaſiums ſteigerte ſich derart, daß es heute eine Doppelſchule iſt, das Staatsgymnaſium wurde begründet und erhielt raſch eine gute Frequenz, und nach 25 Jahren, im Oktober 1891 war die Zahl der Lateinſchüler von 184 auf 1636 geſtiegen; während die Bevölkerung der Stadt ſich in dieſem Zeitraum mehr als verdoppelte, hat ſich die Zahl der Lateinſchüler nahezu verzehnfacht.

Die Entwickelung des Schulweſens der Stadt Frankfurt a. M. innerhalb der erſten 25 Jahre ihrer preußiſchen Staatszugehörigkeit bildet ein ruhmvolles Blatt ihrer Geſchichte. Aber für den Um⸗ ſchwung, der ſich in den letzten Jahren in den Anſchauungen vollzogen hat, iſt es in hohem Grade be⸗ zeichnend, daß in weiten und maßgebenden Kreiſen die Überzeugung nunmehr allgemein iſt, die latein⸗ lehrenden Schulen ſeien für große Kreiſe der Bürgerſchaft, die ihre Söhne ihr anvertrauen, nicht die geeigneten Bildungsſtätten. In der von dem Königlichen Unterrichtsminiſterium veröffentlichtenDenkſchrift, be⸗ treffend die geſchichtliche Entwickelung der Reviſion der Lehrpläne und Prüfungsordnungen für höhere Schulen*) leſen wir einen Satz, der, wie uns ſcheinen will, einen Wendepunkt in der Entwickelung des preußiſchen höheren Schulweſens bedeutet.Die Entwickelung unſeres höheren Schulweſens heißt es dort,hat zum Schaden des mittleren Bürgerſtandes ſeit Jahrzehnten zu einer einſeitigen Ausgeſtaltung der lateinlehrenden Schulen auf Koſten der lateinloſen geführt.

Man wird nicht behaupten können, daß die Konſequenzen dieſer Anſchauung in den neuen Lehr⸗ plänen und Prüfungsordnungen ſchon gezogen ſind, aber allerdings war bei der Reviſion der Lehrpläne für die Unterrichtsverwaltung der erſte leitende Geſichtspunkt: die weitere Ausbreitung und Förderung der lateinloſen höheren Schulen. Es ſind zu dem Zweck den lateinloſen Schulen gewiſſe Berechtigungen zuerkannt worden,(ſiehe ferner oben Seite 45); ſie ſind bezüglich der Abſchluß⸗ prüfung nach dem ſechſten Jahreskurſus den lateinlehrenden Schulen weeſſentlich gleichgeſtellt; es wird die Gründung ſolcher Schulen von den Unterrichtsbehörden empfohlen und befördert, während die Gründung neuer Gymnaſien und Realgymnaſien nicht ſo leicht zugelaſſen werden dürfte. Ob aber damit die erſtrebte Wirkung herbeigeführt werden wird, muß die Erfahrung lehren.

*) Deutſcher Reichs⸗Anzeiger und Königlich Preußiſcher Staats⸗Anzeiger vom 14. Januar 1892.