Aufsatz 
Die Schicksale der Juden zu Frankfurt a.M. während des Fettmilchschen Aufstandes / Isidor Kracauer
Entstehung
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Der vielfach aufgeſtellten Forderung, unſern lateinlehrenden Schulen in der ſechsklaſſigen lateinloſen Realſchule einen gemeinſamen Unterbau zu geben, konnte die Königliche Unterrichtsverwaltung, welche grund⸗ ſtürzende Neuerungen abweiſen zu ſollen glaubte, nicht Folge geben. Dagegen hat ſie den Anfang eines ſolchen Unterbaues auf Anſuchen unſeres Magiſtrats hier in Frankfurt geſtattet, und ſo werden die eine Hälfte unſeres ſtädtiſchen Doppelgymnaſiums und unſere beiden ſtädtiſchen Realgymnaſien von Oſtern d. J. an eine lateinloſe Sexta erhalten und es werden nach und nach ihre 3 unteren Klaſſen VI. V. IV. genau den Lehrplan der entſprechenden Klaſſen der lateinloſen Realſchule, alſo auch unſerer Schule, befolgen. Daraus erwächſt, von allem anderem abgeſehen, den Eltern der große Vorteil, die Entſcheidung, ob ſie für ihre Söhne eine lateinlehrende Schule zu wählen haben, nicht ſchon beim Eintritt derſelben in Sexta treffen zu müſſen, ſondern dieſelbe mindeſtens 3 Jahre, nach der erfolgten Verſetzung in die Tertia, hinaus⸗ ſchieben zu können*). Eines aber bleibt auch bei dieſer Neuerung bei den Realgymnaſien und Gymnaſien beſtehen, nämlich die ſehr große Schwierigkeit, bei ihrer auf neun Jahre berechneten Organiſation nach dem ſechſten Jahre einen gedeihlichen Abſchluß zu erreichen.

Die lateinloſe Realſchule betreibt zwei fremde Sprachen; ſie betreibt das Franzöſiſche mit ausgiebiger

gewieſenen Disziplinen das ihr geſetzte Lehrziel zu erreichen. Das Realgymnaſium und Gymnaſium lehren in den ſechs Jahren drei fremde Sprachen: Das Franzöſiſche, Lateiniſche und Engliſche reſp. das Lateiniſche, Franzöſiſche und Griechiſche. Das i*ſt gut für diejenigen, welche den ganzen neunjährigen Kurſus durch⸗ machen, aber für diejenigen, die ſchon nach erfolgter Verſetzung in die Oberſekunda abgehen, bleiben dieſe Schulen nach wie vor ungeeignet. Denn man wird doch der neu angeordneten Abſchlußprüfung nicht die magiſche Kraft zuſchreiben wollen, die durch das Betreiben von drei fremden Sprachen für Knaben von neun bis fünfzehn Jahren ſo weſentlich geſteigerten Schwierigkeiten einfach und ſchmerzlos zu beſeitigen.

Das kann alſo den Eltern nicht oft und eindringlich genug geſagt werden, und das iſt ganz zweifel⸗ los auch die Anſicht unſerer oberſten Unterrichtsbehörde: Für Knaben, die nicht dem Studium beſtimmt ſind, iſt nicht das Gymnaſium, nicht das Realgymnaſium, ſondern die lateinloſe Realſchule die geeignetſte Bildungsanſtalt. Es muß das ausgeſprochen werden, wenn man ſich auch nicht der Illuſion hingiebt, damit die erwünſchte Wirkung zu erzielen. Denn es iſt eine pſychologiſch merkwürdige Wahrnehmung, daß ſelbſt ſehr gewiſſenhafte Eltern bei einer ſo überaus wichtigen Angelegenheit, wie es die Wahl der Schule für ihre Kinder iſt, ſich oft nicht von dem wirklichen Intereſſe ihrer Kinder, ſondern von einem falſchen Ehrgeiz und der Mode leiten laſſen. Auch die zweckmäßigſte und glücklichſte Schulreform wird daran nichts ändern.

Was uns angeht, ſo haben wir zur Zeit den Umbildungsprozeß in die lateinlehrende Schule, der uns ja von mancher Seite als Forderung nahe gelegt wurde, nicht mitgemacht, und ſo iſt unſerer Schule eine Stetigkeit der inneren Entwicklung erhalten geblieben. Wir werden das mannigfache Gute, das die neuen Lehrpläne uns bringen, zum Beſten der Jugend dankbar verwerten und ſehen mit Vertrauen in die Zukunft.

*) Vergl. darüber die ſehr leſenswerte Schrift: Die Frankfurter Lehrpläne. Mit einer Einleitung herausgegeben von Dr. Karl Reinhardt, Direktor des ſtädtiſchen Gymnaſiums zu Frankfurt a. M. Frankf. a. M. Moritz Dieſterweg 1892.