— 18—
Wiſſenſchaftliche Arbeit und Bethätigung war ihm unentbehrlich, ſie erfüllte alle ſeine durch eine ausgedehnte und mit Gewiſſenhaftigkeit ausgeübte Lehrthätigkeit allerdings ſehr beſchränkten Mußeſtunden. Als Frucht ſeiner mathematiſchen Studien ſind nur zwei kleinere Arbeiten veröffentlicht worden.*) Dagegen hat ſeine Beſchäftigung mit der Geſchichte der Phyſik ihn zu einer Arbeit geführt, die ſeinen Namen, wie wir glauben, lange hin erhalten wird. Bei dem Studium der Werke Galileis feſſelte ihn deſſen„Dialog über die beiden hauptſächlichſten Weltſyſteme, das Ptolemäiſche und das Kopernikaniſche.“ Er erkannte in dieſem für die Geſchichte der Wiſſenſchaft epochemachenden Werke eines der merkwürdigſten Bücher, die je geſchrieben worden ſind. Treffend charakteriſierte er in dem Vorworte die Bedeutung des Werkes in folgender Weiſe:„Das hauptſächliche, aber keineswegs einzige Intereſſe des Buches liegt darin, daß es in greifbarer Anſchaulichkeit die Berührung moderner Wiſſenſchaft mit ſcholaſtiſcher Naturphiloſopie und die daraus ſtch ergebenden Reaktionen dem Leſer enthüllt. Wie dem Geologen die Kontaktſtellen verſchieden⸗ artiger Geſteine und die dort eintretenden Umwandlungen der Geſteinsnatur das Verſtändnis der Erd⸗ geſchichte ermöglichen, ſo iſt Galileis Buch für den Kulturhiſtoriker ein Schlüſſel zur Erfaſſung des Um⸗ ſchwungs in der Weltanſchauung. Aus ihm kann er ermeſſen, was es heißt, eine neue Idee wie die koper⸗ nikaniſche für weite Kreiſe faßlich und mundgerecht zu machen. Es kommt aber in dem Buche keineswegs nur die Frage der beiden Weltſyſteme zur Sprache: es handelt ſich mehr noch um die ganze Methode wiſſenſchaftlicher Forſchung. Dieſe ſollte von nun ab anſcheinend beſcheidener, in Wahrheit aber mühevoller und fruchtbarer ſein; ſie glaubt nicht mehr alles a priori wiſſen zu können oder gar ſchon zu wiſſen, ſie übernimmt vielmehr die ſchwere Aufgabe, in ſcheinbar geringfügigen Indicien, in alltäglichen und dennoch unbeachteten Erſcheinungen die Spuren folgenſchwerer Geſetze zu finden. Das Buch Galileis belehrte die Zeitgenoſſen— und dieſe Belehrung dürfte auch heute für weite und einflußreiche Kreiſe noch nicht über⸗ flüſſig geworden ſein— daß nicht in logiſch geſchultem Denken und in einer Anzahl von fertigen Formeln das Weſen der Wiſſenſchaft und der wiſſenſchaftlichen Erziehung ſich erſchöpft, daß vielmehr die unendlich viel ſchwierigere Kunſt, durch Beobachtung und Verſuche den Thatſachen Rechnung zu tragen das Haupt⸗ merkmal des Erkennens iſt.“ Strauß unternahm es als der Erſte, das merkwürdige Buch durch eine deutſche Überſetzung weiteren Kreiſen— er dachte dabei auch an die Schüler der oberſten Klaſſen unſerer höheren Schulen— zugänglich zu machen. In einer über fünf Druckbogen umfaſſenden Einleitung gab er eine Biographie Galileis„unter Hervorhebung deſſen, was mit ſeiner Stellung zur kopernikaniſchen Lehre und mit der Geſchichte des Dialogs zuſammenhängt“, und in zahlreichen Anmerkungen fügte er die⸗ jenigen Hinweiſe hinzu,„die das Verſtändnis und die Würdigung des Buches erleichtern, die es aus ſeiner Zeit heraus nach ſeinen Vorzügen und Schwächen begreiflich machen, und die dem Leſer die Mög⸗ lichkeit bieten, den Erkenntnisfortſchritt zu verſtehen, der ſich in ihm vollzieht.“
Die Muße dreier Jahre ſetzte er an dieſe Arbeit,**) die ein Zeugnis giebt nicht blos von ſeiner umfaſſenden Gelehrſamkeit, ſondern auch von ſeinem hiſtoriſchen Sinn und ſeiner unbeſtechlichen Wahrheitsliebe. Er hatte den letzten Korrekturbogen bei ſich, als er am Morgen des 31. Januar ſchon von Fieberſchauer ergriffen in die Schule eilte, in der er ſich nicht mehr aufrecht zu erhalten vermochte. Aus derſelben Schule, in die er einſt als ſechs⸗
*) 1. Eine Verallgemeinerung der dekadiſchen Schreibweiſe nebſt funktionentheoretiſcher Anwendung. Acta Mathematica 1887. 2. Arithmetiſche Eigenſchaften der Funktionen. Berichte des freien deutſchen Hochſtifts. 1889.
*) Sie führt den Titel: Dialog über die beiden hauptſächlichſten Weltſyſteme, das Ptolemäiſche und Koperni⸗ kaniſche von Galileo Galilei. Aus dem Italieniſchen überſetzt und erläutert von Emil Strauß ord. Lehrer an der Realſchule„Philanthropin“ in Frankfurt a. M. Leipzig, Druck und Verlag von B. G. Teuber 1891 LXXXIX. 586. Zwei intereſſante Abſchnitte der Schrift ſind dem vorjährigen Programm unſerer Schule als wiſſenſchaftliche Ab⸗ handlung beigegeben.


