Aufsatz 
Die Schicksale der Juden zu Frankfurt a.M. während des Fettmilchschen Aufstandes / Isidor Kracauer
Entstehung
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IV. Chronik.

Emil Strau 6 geboren am 3. Mai 1859 geſtorben am 6. Februar 1892.

Von den unſere Schule betreffenden Ereigniſſen des zu Ende gehenden Schuljahres können wir nicht berichten, ohne an erſter Stelle des überaus großen Verluſtes zu gedenken, den wir durch den vorzeitigen Tod eines unſerer beſten und treueſten Kollegen erlitten haben. Am 6. Februar d. J. ſtarb nach einem kaum ſechstägigen Krankenlager an der Lungenentzündung der ordentliche Lehrer, Herr Emil Strauß im drei und dreißigſten Lebensjahre. Er war dahier am 3. Mai 1859 als Sohn des inzwiſchen verſtorbenen Kaufmannes Herrn David Strauß geboren. Von ſeinem ſiebenten bis vierzehnten Lebens⸗ jahre beſuchte er unſere Schule. Hier bethätigte er einen ſo regen Fleiß und zeigte auf allen Unterrichts⸗ gebieten, insbeſondere in der Mathematik und Phyſik eine ſo raſche Auffaſſungskraft und eine ſo ent⸗ ſchiedene Neigung, überall bis zur völligen Klarheit durchzudringen, daß ſeine Eltern, die ihn urſprünglich zum Kaufmannsſtande beſtimmt hatten, ſich auf den dringenden Rat unſeres Mathematikers, des Herrn Oberlehrer Wertheim, entſchloſſen, ihn ſtudieren zu laſſen. Nach Abſolvierung der oberen Klaſſen unſeres ſtädtiſchen Gymnaſiums bezog er im Frühjahr 1878 die Univerſität Berlin. Die damals dort wirkenden hervorragenden Profeſſoren der Mathematik Kummer, Weierſtraß und Kronecker und die großen Phyſiker Helmholtz und Kirchhoff, übten eine ſolche Anziehungskraft auf ihn aus, daß er die ganzen vier Studien⸗ jahre in Berlin zubrachte. Das Ergebnis der Univerſitätszeit entſprach denn auch allen guten Erwartungen. In dem ihm ſeitens der Königlichen wiſſenſchaftlichen Prüfungskommiſſion zu Berlin am 14. November 1882 pro facultate docendi ausgeſtellten Zeugniſſe wurde er alsein gründlich ausgebildeter junger Mathe⸗ matiker bezeichnet; ſeine phyſikaliſche Arbeit(Üüber die wichtigſten Entdeckungen und Arbeiten von Helmholtz) wurde als meine vorzügliche Leiſtung anerkannt; er wurde alsein ſehr klarer Kopf bezeichnet,der ſich über ſchwierige Probleme der Phyſik Licht zu verſchaffen gewußt hatte, und dem faſt alles Poſitive in dieſer Wiſſenſchaft gegenwärtig war.

Oſtern 1882, noch bevor er die Staatsprüfung beſtanden hatte, wurden ihm mit Genehmigung des Königlichen Provinzial⸗Schulkollegiums an unſerer Schule die mathematiſchen Unterrichtsſtunden des damals in den Ruheſtand tretenden Kollegen, Herrn Dr. Hermann Zirndorfer übertragen. Nachdem er dann von Oſtern 1883 bis dahin 1884 ſeiner Militärpflicht in Göttingen genügt hatte, kehrte er an unſere Schule zurück, an welcher er nach Abfolvierung des Probejahres angeſtellt wurde und bis wenige

Emil Strauß gehörte zu den ideal gerichteten, arbeitsfreudigen und ſchaffensfrohen Naturen, die bei der Erfüllung der ſelbſtgewählten oder überkommenen Aufgaben ſich niemals genug thun können. Er ging in ſeiner praktiſchen Lehrthätigkeit und bei ſeinen wiſſenſchaftlichen Arbeiten hohen Zielen nach. Ein fleißiger, eifriger und geſchickter Lehrer ſtrebte er nach völliger Beherrſchung des Lehrſtoffes und ſetzte alle Kraft daran, ihn anſchaulich und faßlich darzulegen und jedem Einzelnen ſeiner Schüler zum Ver⸗ ſtändnis zu bringen. Die Begeiſterung für ſeine Wiſſenſchaft und das eigene Streben überall zum klaren und vollen Erfaſſen der Sache vorzudringen, verbunden mit dem inneren Bedürfnis, ſeine Schüler wirkſam zu fördern, gaben ſeinem Unterricht jene anregende, erziehliche Kraft, welche ihm aus dem Einſetzen der ganzen Perſönlichkeit des Lehrers erwächſt.