Aufsatz 
Die Schicksale der Juden zu Frankfurt a.M. während des Fettmilchschen Aufstandes / Isidor Kracauer
Entstehung
Einzelbild herunterladen

183

ins Werk. Er ließ die Verpfändungsurkunde Karls IV. durch Abſchriften vervielfältigen und unter die Menge verteilen; auch las er verſchiedene ſtädtiſche Privilegien und Auszüge aus der Stättigkeit vor, alles in der Abſicht, die Bürgerſchaft glauben zu machen, ſie dürfe nach Willkür mit den Juden ſchalten und walten. Wohlweislich verſchwieg er ober die den Juden verliehenen Privilegien, die mit dieſer Auffaſſung durchaus in Widerſpruch ſtanden. Er und der Buchdrucker Sauer konnten ſich ſogar das Vergnügen nicht verſagen, eines Samſtags in der Judengaſſe zu erſcheinen und die Verpfändungsurkunde auf dem Platz vor der Synagoge den ſich zum Gottesdienſt begebenden Juden vorzuleſen. Daraus könnten ſie entnehmen, fügte er hinzu, daß ſie nicht freie Leute, ſondern Leibeigene der Bürger ſeien. Zugleich verbot er aus eigener Machtvollkommenheit, daß zwei Juden neben einander auf der Straße gingen. Er ſetzte auch beim Rat durch, daß das ſeit einiger Zeit verdeckte Judengemälde wieder enthüllt werde.

Die von ihm geſäete Saat begann aufzugehen. Täglich kamen jetzt Mißhandlungen von Juden auf den Straßen vor, und am 14. März beluſtigte ſich ſogar ein Haufe Handwerker damit, unter Ge⸗ johle in die Judengaſſe einzudringen und dort die Fenſter einzuwerfen. Was ſtand erſt zu befürchten, wenn die Meſſe herankam, die ſtets viel abenteuerliches, raufluſtiges Geſindel nach Frankfurt lockte!

In ihrer Bedrängnis wandten ſich die Juden an den Rat und baten um Schutz. Aber was konnte er für ſie thun? Wohl waren die alten Ratsmitglieder bereit, für ſie einzutreten, da ſie die Anſicht verfochten, man müſſe ſich genau an den Bürgervertrag halten. Aber ihnen gegenüber ſtanden die 18 neuen Mitglieder, die, von Weitz beeinflußt, es weder mit Fettmilch noch mit dem Ausſchuß verderben wollten. Und ſo erreichten die Juden weiter nichts, als daß der Rat durch öffentlichen Anſchlag befahl, die Juden ſowohl in ihren Wohnungen, als auch in der Stadt bei Vermeidung ernſter Strafe unbedrängt zu laſſen. Ein Uebriges glaubte er gethan zu haben, als er die ohne ſeine Erlaubnis von Sauer gedruckte, tendenziös entſtellte Stättigkeit*) confiscieren ließ.

Dieſes Vorgehen erregte Fettmilchs Zorn aufs höchſte. Kaum war ihm die Kunde davon zu Ohren gekommen, als er ſich mit ſeinem Anhang auf den Weg nach dem Römer machte, wo er nur wenige Rats⸗ mitglieder, unter ihnen den Stellvertreter des älteren Bürgermeiſters Helfrich Fauſt, antraf. Unter den heftigſten Vorwürfen zog er ihn zur Rechenſchaft. Fauſt blieb ihm die Antwort nicht ſchuldig, und der Tumult wurde immer heftiger. Als Fettmilch im Namen der geſamten Bürgerſchaft gegen die Handlungsweiſe des Rates proteſtierte, bedauerte Fauſt die frommen Bürger, die von alledem, was Fettmilch in ihrem Namen aus⸗ führe, nichts wüßten. Als aber deſſen Anhänger erklärten, völlig eines Sinnes mit ihrem Führer zu ſein, hob Fauſt wie zum Schwur die Hände zum Himmel empor und rief aus:O Gott, biſt du ein gerechter Gott, ſo thue ein Zeichen, daß dieſer Mann geſtraft werde, der an allem Urſache iſt, oder ſtrafe mich, wenn ich die Urſache bin! Dieſe theatraliſche Scene verfehlte ihre Wirkung auf Fettmilch nicht. Er wurde kleinlaut und begann Entſchuldigungen zu ſtammeln, bald erlangte er aber ſeine Faſſung wieder und zog unter einer Flut von Schimpfreden ab. Zwei Tage ſpäter fand man das Dekret abgeriſſen, und der eingeſchlüchterte Rat gab die Stättigkeit frei. Er machte vor dem Kaiſer und den Kommiſſarien durchaus kein Hehl aus ſeiner Ohnmacht dem Ausſchuß gegenüber.

Dieſer glaubte jetzt völlig Herr der Lage geworden zu ſein. Einige ſchriftliche Ermahnungen waren ja das einzige Lebenszeichen, das der Kaiſer und die Kommiſſarien von ſich gegeben hatten. Jener hatte noch nicht einmal den Bürgervertrag beſtätigt, und dieſe ſogar ihre Subdelegierten abberufen. So ſchöpfte

*) Sie iſt übrigens keine einheitliche Verordnung, ſondern eine Kompilation und Zuſammenſtellung aus älteren Stättigkeiten und einzelnen Ratsbeſchlüſſen.