Aufsatz 
Die Schicksale der Juden zu Frankfurt a.M. während des Fettmilchschen Aufstandes / Isidor Kracauer
Entstehung
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Mit der Judenfrage beſchäftigte ſich nur der Artikel 22 des Bürgervertrags. Von all den Klagen der Zünfte hielten die Kommiſſarien nur zwei für berechtigt, die Beſchwerden über den hohen Zinsfuß und die zu große Anzahl der Juden. Deshalb ſetzte Artikel 22 des Bürgervertrags den Zinsfuß auf 8% herab. Außerdem enthielt er die unklare Beſtimmung,daß wegen ihrer Anzahl baldigſt eine gewiſſe Ordnung gemacht werden ſolle. Durch dieſe unbeſtimmte Faſſung des Artikels gerieten die Juden in eine begreifliche Aufregung, doch beruhigten ſie ſich, da vom Kaiſer ein Schreiben an den Rat eintraf, die Judenſchaft in erſprießlicher guter Acht zu haben. Auch hofften ſie, daß mit der Beruhigung der Gemüter die judenfeindliche Stimmung bald weichen würde.

III.

So bald aber ſollte die Ruhe dem zerrütteten Gemeinweſen nicht beſchieden ſein. Einmal war das Mißtrauen gegen den Rat zu tief eingewurzelt; man fürchtete, daß er aller Verträge ungeachtet in ſeine ſelbſtherrlichen Gelüſte zurückfallen würde. Sodann waren die Hoffnungen der Katholiken ſowohl als der deutſchen und niederländiſchen Reformierten nicht in Erfüllung gegangen. Die religiöſe Engherzigkeit der Bürgerſchaft, die von dem Landgrafen Ludwig noch genährt wurde, konnte es nicht über ſich gewinnen, ihnen irgend welche politiſche Rechte einzuräumen. Ehe ein Katholik in den Rat zugelaſſen werde, müßte erſt alles drunter und drüber gehen, hatte man erklärt, als der Erzbiſchof von Mainz zu deren Gunſten ſprach; und den Reformierten wurde es ſogar alsInſolenz ausgelegt, daß ſie ſich in einer Eingabe als Bürger, und nicht als Untergebene der Stadt bezeichnet hatten. Man wird ihre Er⸗ bitterung über den Bürgervertrag wohl begreiflich finden. Sie hatten ja zur Unterſtützung der Bewegung große Geldopfer gebracht, und nun ſtellte man ſie politiſch faſt den Juden gleich; auch ihre Klagen über die jüdiſche Konkurrenz hatten kein Gehör gefunden. Sie förderten deshalb eifrig die Pläne einer kleinen Anzahl von Männern, denen mit einem ſo ſchnellen friedlichen Ausgleich nicht gedient ſein konnte, da bis jetzt weder ihr Ehrgeiz, noch ihr Eigennutz befriedigt worden war. Zu dieſer Gruppe von Unzufriedenen um jeden Preis gehörten in erſter Reihe Weitz, Fettmilch, der Wollhändler Kantor und eine Anzahl von Advokaten und Zünftigen. Dem Bürgervertrag zum Trotz, der alle politiſchen Verſammlungen unterſagt hatte, gründeten ſie am 19. Januar 1613, ohne von der Bürgerſchaft dazu bevollmächtigt zu ſein, einen neuen Ausſchuß zurExekution und Vollſtreckung der im Abſchied noch unerledigten Punkte.

Vollſtändig beherrſcht wurde dieſer dritte Ausſchuß,die Grundſuppe alles erfolgten Unheils vom oberen Tiſch, wo Weitz, Fettmilch und Genoſſen ſaßen. Dieſe verſtanden es, durch Drohungen aller Art jeden Widerſpruch niederzuſchreien und die übrigen Ausſchußmitglieder dermaßen einzuſchüchtern, daß die gemäßigten Elemente bald vorzogen, den Sitzungen fern zu bleiben und ihnen dadurch völlig freies Spiel ließen.

Der Ausſchuß eröffnete ſeine Thätigkeit damit, daß er Fettmilch zum Direktor*) ernannte. Dieſer war nunmehr ein von allen Parteien gefürchteter Mann. Im Geheimen von den Advokaten Weitz und Brenner und dem Niederländer Bernoullli geleitet, beherrſchte er die Stadt. Um freiere Hand zu haben, ließ er ſich abſichtlich nicht in den Rat wählen, was ihm ein leichtes geweſen wäre, erſchien aber jeden Tag auf dem Römer und controlierte jede Regierungshandlung. Die Judenfrage, die ins Stocken gerathen war, ſuchte er vor allem wieder in Fluß zu bringen. Zunächſt ſetzte er eine wohlausgedachte Agitation

*) Als ſolcher erhielt er einen Gehalt von 7 Gulden wöchentlich, dazu kamen noch die vielen ihm von den Niederländern gemachten Geſchenke.