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Den ihm hingeworfenen Fehdehandſchuh nahm der Ausſchuß ſofort auf. Am 3. November übergab er den Subdelegierten eine höchſt umfangreiche Beſchwerdeſchrift, die im Druck nicht weniger als 40 Folioſeiten zählt. Die Schrift beginnt mit einer allgemein gehaltenen Klage über das gottesläſterliche Leben der Juden, ihre Verräterei und Zauberei, die den Zorn des Höchſten auf die Stadt herablade; ſchon jetzt leide Wohlſtand und Verdienſt ſchwer durch den Handel der Juden. Da der Rat dem gegenüber abſichtlich die Augen verſchließe, möchten doch die Subdelegierten der Bürgerſchaft geſtatten, die gottloſe Rotte aus der Stadt zu entfernen; ſowohl die jetzt bekannt gewordenen Privilegien als auch die Verpfändungsurkunden Karls IV. gäben ihr das Recht dazu. Die Schrift verſteigt ſich ſogar zu der Behauptung, daß die in Deutſchland lebenden Juden gar nicht einmal die Nachkommen der zwölf Stämme ſeien, und daß ſie als geborene falsarii den Namen„Juden“ mit Unrecht führten. Nicht die Bibel, ſondern der fabuliſtiſche Talmud ſei ihr höchſtes Gut. Sie erinnerten daran, daß die Concilien oft gewarnt hätten, mit den Juden Gemeinſchaft zu halten und Arzneien von ihnen zu nehmen, vielmehr empfohlen, ſie zu verjagen, ihre Kinder an ſich zu nehmen und Klöſtern oder frommen Chriſten zur Erziehung zu übergeben. Am längſten verweilt die Schrift bei dem unredlichen Gebahren der Juden im Geſchäftsverkehr, bei ihrem Betrug und Wucher. Als Ideal ſchwebt den Verfaſſern der Kaiſer Wenzel vor, der 1392, um die Juden für den Wucher zu züchtigen, ihre Schuldner aller Verpflichtungen ledig erklärt hätte. In politiſcher Beziehung werden die Juden als gefahrdrohend für das geliebte deutſche Vaterland geſchildert, da ſie Kundſchafter und Landesverräter ſeien und im Bunde mit den Türken ſtünden. Daß zum Schluſſe das uralte Märchen von der Abſchlachtung chriſtlicher Kinder zu rituellen Zwecken als unumſtößliche Thatſache hingeſtellt wird, iſt faſt ſelbſtverſtändlich; ebenſo ſteht nach Anſicht der Verfaſſer unumſtößlich feſt, daß die Juden durch Vergiftung der Brunnen mehr als einmal die Peſt in Europa verbreitet hätten.
Bei dieſer etwas„weitläufigen Schrift“ ließ es der Ausſchuß nicht bewenden; er mochte fühlen, daß die erhobenen Klagen doch zu allgemein gehalten waren, um die gewünſchte Wirkung zu erzielen. Daher forderte er alle diejenigen, die etwas Thatſächliches gegen die Juden vorzubringen hätten, auf, ihm ihre Beſchwerden mitzuteilen, eine Einladung, der alle Gegner und Schuldner der Juden bereitwilligſt nachkamen. Die eingelaufenen Beſchwerden wurden hierauf in einer 94 Folioſeiten ſtarken Schrift nieder⸗ geſchrieben, die in 361 Artikeln ein ganzes Sündenregiſter der Frankfurter Juden enthält. Es würde zu weit führen, die Artikel einzeln zu beſprechen. Das erſte und Kardinalverbrechen iſt die Konkurrenz, die die Juden den chriſtlichen Gewerbetreibenden machen. Aber was wird nicht alles ſonſt noch den Juden vor⸗ geworfen! Kontraktbruch und nochmalige Forderung alter Schulden, das Nehmen von Wucherzinſen und der unrechtmäßige Verkauf von Pfändern, Diebſtahl und Hehlerei, Fälſchung von Unterſchriften, Beſchneidung von Geldmünzen u. ſ. w. Sonderbar iſt der in Artikel 324 gegen die Vorſteher der Juden erhobene Vorwurf, daß ſie diejenigen ihrer Glaubensgenoſſen, die ſich im Geſchäft unreell gezeigt hätten, ohne Rückſicht auf die vom Rat verhängte Buße nochmals beſtraften. Darin erblickt der Ausſchuß nur eine Geringſchätzung der chriſt⸗ lichen Obrigkeit. Als Beweiſe für die Überhebung der Juden führt die Schrift an, daß einmal ein Jude alle Chriſten Schelme genannt habe, und daß bei der Krönung die Juden mit dem für den Kaiſer beſtimmten Geſchenke dem Rat um einige Tage vorgelaufen ſeien. Von Nathan„zur Ampel“ wird ſogar voller Entrüſtung berichtet, daß er nebſt Weib und Kindern den Kaiſer habe tafeln ſehen wollen! In einigen Artikeln wendet die Schrift ſich auch gegen die Parteilichkeit des Rates für die Juden. Einmal habe er den in Urſel gedruckten Judenſpiegel— ein außerordentlich judenfeindliches Buch— konfisciert, ſodann das berüchtigte Judengemälde auf der Mainbrücke kurz vor der Kaiſerwahl vollſtändig verdecken laſſen, um


