Aufsatz 
Die Schicksale der Juden zu Frankfurt a.M. während des Fettmilchschen Aufstandes / Isidor Kracauer
Entstehung
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da ohnedies die Bürgerſchaft ſchon alle Rechte an ſich geriſſen hätte, und verließ wie ein Mann den Sitzungsſaal. Inmitten der ungeheuren Verwirrung, die dieſer unerwarteten Erklärung folgte, warf ſich Vincenz Fettmilch zum Wortführer der Menge auf, um den Rat zu bewegen, die Zügel der Regierung wieder in die Hand zu nehmen. Von jetzt ab tritt Fettmilch immer mehr an die Spitze der Bewegung; bald ernennt ihn der Ausſchuß zu ſeinemDirektor und Sprecher.

Er hatte, als er zu dieſer Würde ernannt wurde, ſchon ein bewegtes Leben hinter ſich. Ort und Jahr ſeiner Geburt ſind nicht feſtzuſtellen; der gewöhnlichen Annahme nach ſtammte er aus dem Heſſiſchen von einer urſprünglich begüterten Familie, wenigſtens empfing ſein Bruder Eitel eine gelehrte Erziehung. Auch er ſcheint zum Gelehrten beſtimmt geweſen zu ſein; das Studium mag indes ſeinem unſtäten Weſen nicht zu⸗ geſagt haben. Immerhin hatte er eine die Durchſchnittsbildung überragende Erziehung genoſſen, die ihn befähigte, ſich in Frankfurt als Rechtskonſulent niederzulaſſen. 1595 bewarb er ſich vergebens um den Poſten eines Schreibers im Spital zum heiligen Geiſt. Späterhin ergriff er das Waffenhandwerk. 1602 heiratete er und ließ ſich als Kuchenbäcker im Hauſezum Haſen in der Töngesgaſſe nieder. Wenn er auch von ſich ſagt, daß er ſich in ſeinen jungen Tagen bis auf gegenwärtige Zeit eines ehrlichen, redlichen und unverleum⸗ deten Weſens und Wandels befliſſen habe, ſo war trotzdem ſein Leumund nicht der beſte. Er war ein Menſch von grobſinnlichen Inſtinkten, dem man vorwarf, daß erGaſtereien und beſonders Trinkgelagen allzu ergeben wäre und gern dabei ſei, wenn man freſſe und ſaufe. Auch in eine ſchmutzige Verführungs⸗ geſchichte war ſein Name verwickelt, ebenſo in einen Ehebruchsſkandal. Ob er thatſächlich ein Falſchmünzer war, wie eine von Hanau⸗Lichtenbergſchen Räten gegen ihn erhobene Anklage behauptete, iſt nicht mehr zu ermitteln. Trotz dieſer wenig Vertrauen erweckenden Vergangenheit und trotz ſeiner zerrütteten Vermögens⸗ verhältniſſe wählte ihn die Menge zum Verfechter ihrer Sache. Seine natürliche Beredſamkeit und Schlagfertigkeit, ſeine Kenntnis des ſtädtiſchen Finanzweſens und Verfaſſungsrechtes, vor allem aber ſein keckes und verwegenes Auftreten ſchienen ihn beſonders für dieſe hervorragende Rolle zu befähigen. Aber es fehlte ihm an wahrem Mut, an wahrer Hingebung für die verfochtene Sache. Als die Wogen der Bewegung am höchſten gingen, bat er zu wiederholten Malen um Enthebung von ſeinem Poſten. Wenig heldenmütig war auch ſein Benehmen nach der Niederwerfung des Aufſtandes. Keine Spur eines begeiſterten Vorkämpfers für die gute Sache, verſchwunden ſeine Kühnheit und ſein Trotz! De⸗ und wehmütig bat er um Gottes willen um Gnade,da er unbedacht und aus Unverſtand gehandelt habe. Ebenſo ging ihm eine tiefere politiſche Bildung, der weit ausſchauende Blick des Staatsmannes völlig ab. Jedes Abwägen und Maßhalten war ihm fremd. Er entfaltete zwar während des Aufſtandes eine rege Thätigkeit, aber er war doch nur ein Werkzeug in der Hand anderer, die ihn bei weitem überragten und ihn vorſchoben, während ſie ſich ſelbſt im Hintergrund hielten. Zu dieſen gehörten verſchiedene niederländiſche Kaufleute, vor allem aber der Frankfurter Advokat Weitz. Dieſer war geiſtig der Bedeutendſte; von tiefer Ver⸗ ſchlagenheit und frei von jedem Bedenken in der Wahl der Mittel übte er den weitgehendſten Einfluß aus. Als er im Anfang des Jahres 1613 ſeine Wahl zum Ratsherrn durchgeſetzt hatte, terroriſierte er und ſein Anhang auch dieſe Körperſchaft bald vollſtändig. Aber nicht die Auflehnung gegen Willkür und Gewaltherrſchaft trieb ihn in den Kampf, ſondern er war durchweg von unlauteren Beweggründen geleitet. Dem Bankrotte nahe und bei den Juden arg verſchuldet, ſah er in dem Aufſtand ein verzweifeltes Mittel, ſich aus ſeiner troſtloſen pekuniären Lage zu befreien. Während deſſen ganzer Dauer ſuchte er auf alle Art Geld von ihnen zu erpreſſen. Bezeichnend genug für ſeine Geldgier hieß es damals in der Judengaſſe, ſobald man von einer judenfeindlichen Maßregel hörte:Der Advokat hat wieder ein Wetter gemacht, wir müſſen ihm etwas bluten, damit wir das Gewölk vertreiben.