Aufsatz 
Die Schicksale der Juden zu Frankfurt a.M. während des Fettmilchschen Aufstandes / Isidor Kracauer
Entstehung
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geſund. Noch 1618 zeigte ſie beim Rate einen Bürger an, der unter anderem geleugnet hatte, daß die Juden verdammt ſeien. Für dieſe Ketzerei wurde er gefoltert und aus der Stadt verwieſen.

So waren es ſowohl wirtſchaftliche, als religiöſe Beweggründe, die den Haß gegen die Juden erweckten und bei einer gewaltſamen Erſchütterung des Gemeinweſens ihre Lage aufs höchſte gefährden mußten.

II.*)

Kaiſer Rudolf II. war am 21. Januar 1612 geſtorben. Wenige Monate ſpäter, Mitte Mai, fanden ſich die Kurfürſten in Frankfurt zur Kaiſerwahl ein. Den Beſtimmungen der goldenen Bulle gemäß beriefen die Bürgermeiſter die Vertreter der Geſellſchaften und der Zünfte am 23. Mai in den Römer, um ſie eidlich zu verpflichten, bei Verluſt ihrer Privilegien für die Sicherheit der in der Stadt verſammelten Fürſten zu ſorgen.

Die Forderung dieſer Eidesleiſtung nun gab den äußeren Anſtoß zu dem Aufſtande. Anſtatt der Aufforderung des Rates ſofort nachzukommen, reichten die Zünfte, Zunftgenoſſen und andere Bürger,ſo nicht zünftig, eine Schrift ein, in der ſie die Eidesleiſtung von drei Punkten abhängig machten. Erſtens verlangten ſie die Veröffentlichung ihrer Privilegien, deren Verluſt man ihnen angedroht hätte, deren Wortlaut ihnen aber gar nicht bekannt wäre. Zweitens forderten ſie die Errichtung eines öffent⸗ lichen Kornmarkies zur Regelung der Getreidepreiſe. Drittens ſollte die Anzahl der in der Stadt an⸗ ſäſſigen Juden eingeſchränkt, und außerdem die Höhe des ihnen erlaubten Zinsfußes von 12% auf 5 6% herabgemindert werden, und zwar mit rückwirkender Kraft.

Der mit den Krönungsfeierlichkeiten vollauf beſchäftigte Rat ging über dieſe Eingabe zur Tages⸗ ordnung über, mit dem Bemerken,die Supplikanten ſollten auf ihr Anſuchen zur Geduld ermahnt werden.

Dieſer Beſcheid ſtellte ſelbſtverſtändlich die ungeduldige Bürgerſchaft nicht zufrieden. Sie wollte das Eiſen ſchmieden, ſo lange es heiß war, und ſetzte deshalb den noch in ihren Mauern weilenden, ſoeben erwählten Kaiſer Mathias und die Kurfürſten von ihrer Streitſache in Kenntnis, mit der Bitte, ſichum Gottes und der Gerechtigkeit willen ihrer anzunehmen. Mathias gab auf die Bittſchrift, die ihm Fettmilch, deſſen Name hier zum erſten Mal erwähnt wird, und ein Schneider bei Verlaſſen der Kirche überreichten, keine Antwort, dagegen wurde den Bürgern eine ſolche im Namen der Kurfürſten vom Erzbiſchof von Mainz zu teil. Dieſe behagte ihnen freilich ſehr wenig, denn ſie enthielt nichts als eine Mahnung zur Geduld und vertröſtete ſie im übrigen auf den guten Willen des Rates. Die enttäuſchten Bürger wandten ſich jetzt nochmals an den Kaiſer mit der eindringlichen Bitte, ihnen, bevor er die Stadt verließe, zu ihrem Rechte zu verhelfen. Beſonders beſchwerten ſie ſich über die Juden, dieSaugegel, die ſich von ihrem Schweiß und Blut nährten und nicht nachließen, bis auch das Mark aus ihrem Gebein verzehrt ſei, und ſie zum Bettelſtab fertig wären. Scharf rügten ſie auch, daß der Rat den Juden ſtädtiſche Gelder ausleihe und dieſe dadurch in ihren Geldgeſchäften unterſtütze. Deshalb beſchworen ſie den Kaiſer, ſie vom jüdiſchen Joche zu befreien;erſt dann, wann die Landesverderber und Müßiggänger aus dem Wege geräumt und abgeſchafft würden, könne Glück und Wohlſtand wieder in den Staat einkehren; darob

*) Der folgenden Darſtellung hat Verfaſſer das Aktenmaterial des hieſigen Stadtarchivs, in erſter Reihe die von Kriegk nicht benutzten, höchſt umfangreichenAkten der Kaiſerlichen Kommiſſion zu Grunde gelegt. Über die Quellen zur Arbeit ſ. meinen Aufſatz in Geigers Zeitſchrift für die Geſchichte der Juden in Deutſchland, Band IV. Heft 2 ff. Daſelbſt auch die weiteren Ausführungen des hier nur kurz Angedeuteten.