Aufsatz 
Henricus Petreus Herdesianus und die Frankfurter Lehrpläne nebst Schulordnungen von 1579 und 1599. Eine kulturhistorische Studie
Entstehung
Einzelbild herunterladen

II

B. Philippus Lonicerus.

Als Nachfolger Hombergers zog in das Barfüßerkloster der bisherigeSchulmeister zu Fridberg ein, Philippus Lonicerus, der Träger eines in der wissenschaftlichen Welt gefeierten Namens, ein Sohn des bekannten Marburger Humanisten Johann Lonicer ²⁸), ein Bruder des damaligen Frankfurter Stadtarztes Adam Lonicer ²⁷), der, wegen seinesKräuter- buches in der Geschichte der Botanik noch heute genannt, von Linné in derGattung Lonicera (Geißblatt) verewigt worden ist. Adam Lonicer, der schon im 13. Jahre das Baccalaureat, im 16. die Magisterwürde erlangt hatte, war unter dem Rektorate des Micyllus kurze Zeit dessen Kollege gewesen, 1553 als Professor der Mathematik nach Marburg und von dort schon 1554 für40 Gulden als Stadtphysikus wieder nach Frankfurt gegangen, wo er zugleich als Korrektor in der berühmten Offizin seines Schwiegervaters Christian Egenolf ²) thätig war. Seinvor andern gerömbter Bruder trat mit dem Wintersemester 1568/9 sein Rektorat an; an Umzugskosten von Friedberg nach Frankfurt erhielt er 10 Thaler.

Er kam in eine Stadt, deren sittliche Zustände und konfessionell schwierige Verhält- nisse folgender Bericht der lutherischen Praedikanten vom 5. Mai 1567²⁵) in trüber Beleuch- tung zeigt:Die Praedicanten alhie samt vnd sonder zeigen einem Ehrsamen Rath etliche Gebrechen und Mängel an und bitten umb Einsehens: Im äuserlichen bürgerlichen Wandel finden sich in dieser Stadt fürnehmlich diese Mängel: 1) Das Fluchen und Lästern, welches so gemein worden ist, daß es auch von den kleinen Kindern uf der Gaßen nicht seltsam ist zu hören und geschicht selten, daß Eltern und andere Leut sie darumb strafen. 2) Ist der verderblich Öberfluß in Eßen, Trincken, Kleidung und dergleichen Dingen, darauf sich jetzt jederman begiebt, als wären wir nicht Christen, sondern Heiden. 3) Das 3te ist die verdamte Unzucht, welche hier gar nahe keine Schande mehr ist. 4) Der offentlich Ungehorsam und vielfältige Frechheit und Mutwillen der Jugend, die nicht allein heimlich von Eltern und Herrschafften beclagt, sondern auch im Werck selbst vielmahls ergriffen wird da muß wol eine ungezogene, verwegene Jugend und zuletzt eine ufrührische Gemein

daraus erwachsen. bey dem Catechismo bleibt Niemand, dann die Kinder, aber auch in welcher kleinen Anzahl, daß, wo die Lateinische Schul nicht etwa das beste thäte, würde offt Niemand da seyn, den der Catechista verhören möchte. Es sind soviel Irrthumb

und Verfälschung der Warheit in dieser Stadt und werden täglich mehr und größer, daß zu besorgen, wo ihnen nicht bald gewehret, so werde die reine Lehre hie nicht lang Raum haben können. An einem Ort wird sie angefochten von der Judenschul, welche hie nicht klein ist und offentlich unserm Herrn Christo widerstrebet, wie die Jüden selbst nicht läugnen können. Am andern Ort streitet das Papstthum zum hefftigsten, nachdem es hie wiederum uf die Beine kommen, und nun auch die Jesuiter ³⁶) als ein neu Kriegs-Volk und Rüstung zu Hülf bekommen. Am qdritten Ort streitet die Sacramentirische Rott. eee üer diesen handelt ausführlich Horawitz in der A. D. B. XIX.(1884) S. 158 163.

²7) Stricker, A. D. B. XIX. S. 157/8.

²s) H. Grotefend, Christian Egenolf, der erste ständige Buchdrucker zu Frankfurt a. M. u. s. Vorläufer. Frkf. Neujahrsblatt 1881. Egenolf gehörte zum Freundeskreis des Micyllus, hatte Beziehungen zu Melanchthon, der mit ihm wegen des Druckes seiner Grammatik unterhandelte.

*,) St. A. Eccl. Tom. IV.

30) Über das Auftreten der Jesuiten in Frankfurt vgl. auch St. A. Eccl. Tom. IV.:Die Praedicanten alhie clagen über den Prior zum Predigern und andern mehr, so sich befleißigen das Papstthum wieder ufzu-