Aufsatz 
Henricus Petreus Herdesianus und die Frankfurter Lehrpläne nebst Schulordnungen von 1579 und 1599. Eine kulturhistorische Studie
Entstehung
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Perserkönigs Ahasverus erhoben, die Retterin ihres unterdrückten Volkes wurde. Welche von den mancherlei Bearbeitungen der Esther Homberger gewählt hatte, war aus dem Dokument nicht sofort zu erkennen. Erst eine Notiz in dem unter allerlei bedeutungslosen Einzel- blättern auf der Stadtbibliothek aufgefundenen Einladungsschreiben Klumpfs(von 1720) wies die richtige Fährte. Schon Cnipius Andronicus hat eineEsther aufführen lassen. Die Handschrift dieses bei den Frankfurtern beliebten Stückes hat sich bis in den Anfang des 18. Jahrhunderts vermutlich im Besitz des Predigerministeriums erhalten. Der Verfasser war nicht Cnipius selbst gewesen alium Parentem agnoverat Foetus sondern sein, übrigens als der bedeutendste Tendenzdramatiker der Reformationsepoche bekannter Zeit- genosse Naogeorgius(15111563), der sein lateinisches Estherdrama 1543 nach dem Träger einer der HauptrollenHamanus genannt hatte,in welchem die Verleumdungen und die Tyrannei der Mächtigen getadelt und ein frommes und gottesfürchtiges Leben gelobt wird.

Homberger hat also, wie sein Vorfahre im Amte, das bewährte Zugstück des Thomas Naogeorg in lateinischer Sprache, unter dem veränderten TitelEstheri Tragoedia zur Dar- stellung bringen lassen und einen Prolog dazu gedichtetde fructu scenicorum exercitiorum. Für die Beliebtheit der Bearbeitung dieses Stoffes durchKirchmajer(= Naogeorgius) spricht der Umstand, daß sich allein drei Übersetzer aus dieser Zeit feststellen lassen: Johannes Chryseus(1543), Johann Mercur aus Mörsheim und, um 1570, Joh. Posthius aus Germersheim, der gefeierte Würzburger Poet und Freund des Petreus. ²⁰)

Über Zeit und Ort der Aufführung läßt sich nur eine Vermutung autfstellen. Da das Einladungsschreiben nicht im Original erhalten ist, sondern nur in einer un- datierten Copie, sind wir auf die in dem Schriftstück enthaltene Andeutung beschränkt Sunt... crastina dies et hortus ille, in quo Sagittariorum certamen nuper fuit, dicto exercitio Scholasticorum destinati, die uns zeigt, daß das Drama an der Stätte auf- geführt werden sollte, wo kurz vorher ein großes Schützenfest abgehalten worden war. That- sächlich hat während Hombergers Rektorat einArmbrost Schiefſen, Suntags nach Laurentii Anno 1565,(d. h. am 12. August), vielleicht auf demFicherfeld stattgefunden. ²¹) Die sein fachmännisches Urteil über Schüleraufführungen enthaltende Einladung Hombergers zu dem etwa Ende August 1565 über die Bretter gegangenen Schuldrama lautet, wie folgt:

M. Jeremiae Homberg. Scholae Ffurtensis Rectoris programma, quo Senatum et Scholarchas ad Estheri Tragoediam invitat. ²²)

Quamquam ego, Amplissimi viri, Domini et Patroni observandi, ludos scenicos semper spectare quam agere malui, cum propter multiplicem judiciorum et censurarum, quorum quaedam iniquiora esse solent, diversitatem, tum vero maxime propter molestissimos labores et longum tempus ad hanc rem necessarium necnon propter adolescentium ad eius modi ptpfeets idoneorum penuriam, quin etiam propter sumptuosum operosum et comparatum difficillimum apparatum, qui nisi adfuerit, ne tolerabiliter quidem sive comoedia sive tragoedia

²2⁰) Vgl. H. Holstein, Die Reformation im Spiegelbilde der dramatischen Litteratur des sechzehnten Jahrhunderts. Halle 1886, S. 109 und 199.

) Die gedruckte Einladung zu diesem Frankfurter Schützenfeste, datiert vom 15. Juli 1565, befindet sich im Original auf dem Stadtarchiv. Sie fängt an:Den Erenuesten Fürsichtigen Ersamen Weisen vnd Acht- parn Schützenmeistern vnd gemeinen Schießgesellen der Armbrust vnd stehlen Pogen zu.... empieten wir die Schützenmeister vnd gemeine Schießgesellen ehegemelter Geschoß zu Frankfurt....... 4

²²) St. A. I. Varia Francofurtens. Ex authographis Uffenbach. 1. Von einer Übersetzung ist aus Raum- mangel abgesehen.