Aufsatz 
Elternhaus und Schule / von Wilhelm Karl Lex
Entstehung
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von denen sich die Kinder in der Regel sehr angezogen fühlen, bieten dazu die beste Ge- legenheit Das Kind werde daher schon frühzeitig darauf hingewiesen, seine vorzüglichsten Freuden und Genüsse in ihr zu suchen statt in den nicht selten vorkommenden, wechsel- seitigen Einladungen zu gemischten Kindergesellschaften, Kinderbällen u. s. w., bei welchen das Gebahren der Erwachsenen bis zu den vier oder fünferlei Zuthaten zum Thee in wahrhaft lächerlicher und doch höchst betrübender Weise nachgeäfft wird. Hier wird das kindliche Gemüth aus seinem Kreise gewaltsam herausgerissen und verschroben, während es dort durch jedes glänzende Steinchen, jedes bunte Blumchen auf seines Schöpfers Grösse und Güte hingeleitet und die ersten Gefühle der Dankbarkeit, der Liebe und des Vertrauens gegen Gott geweckt werden können. Die fromme Mutter kann dabei dem wissbegierigen Kinde schon manchen ihm verständlichen Satz der Sittenlehre, schon manchen meist für sein ganzes Leben sich einprägenden Spruch des Heilands und der heiligen Schrift ungesucht mittheilen. Und welchen unendlichen Stoff dazu bieten ausserdem die manchfaltigen Vorfälle des Lebens, vor allen das schöne Kinderfest, das Christfest! Freilich setzt dies Alles voraus, dass in der Familie selbst religiöser Sinn herrsche, dass nur mit Ehrfurcht der Name Gottes und unseres Erlösers darin genannt, und die Stätte, wo sein Wort verkündigt wird, auch von den Eltern bäufiger besucht werde, als es jetzt gewöhnlich geschieht. Die Familien, in denen das Kind mit dem Vater oder der Mutter bei seinem Erwachen das Morgen-, vor seinem Einschlafen sein Abendgebet spricht und nur nach dargebrachtem Danke gegen den Geber sich zu Tische setzt, werden immer seltner. Wo dieser schöne Gebrauch unserer gottesfürchtigen Väter zum blossen Formelwerk ausartet, was ihm oft und nicht immer mit Unrecht zum Vorwurf gemacht wird, da tragen unter bhundert Fällen neunundneunzig Mal die Eltern die Schuld. Ihre Gleichgiltigkeit, ihre Missachtung gegen Alles, was ein christlich religiöses Leben ver- langt, pflanzen sie durch ihr Beispiel auf die Kinder über.

Hat das Kind sich gewöhnt, in der Natur seine süssesten Genüsse zu finden, hat es in seinem religiösen Gefühl durch vernünftige Anleitung den Grund zu dem festesten Haltpunkt fur sein ganzes späteres Leben gewonnen, so wird es auch nicht schwer werden, es zur Ein- fachheit und Genügsamkeit zu führen; denn nicht den Kindern, sondern den Eltern fällt es schwer, dazu zurückzukehren, und doch ist es nothwendig, wenn der durch die fast unglaub- liche Vermehrung der Bedürfnisse schon drückend gewordene Zustand nicht noch schlimmer werden soll. Leider ist dieser sichere und einfache Weg bisjetzt nur von Wenigen einge- schlagen worden, denn aus Schwäche und unzeitiger Gutmüthigkeit glaubt die Mehrzahl, ein- gebildete Genüsse, die sie sich entweder selbst erlaubt, oder die sie Andere den Kindern gewähren sicht, auch ihren Kindern nicht versagen oder vorenthalten zu dürfen, und uberlegt nicht, dass man sich später bei veränderten Verhältnissen leicht an mehr Bedürfnisse ge- wöhnen, die ein Mal gewohnten aber nur bei grosser Charakterstärke aufgeben kann, ohne sich unglücklich zu fühlen. Häufig gibt das von Eltern und Anverwandten zu reichlich ge-

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