Aufsatz 
Elternhaus und Schule / von Wilhelm Karl Lex
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10

von Natur körperlich schwache ausgenommen; sondern dass die unordentlichen, unfleissigen, verweichlichten es sind, die in der Liste der Fehlenden als Kranke aufgeführt stehen.

Die häusliche Erziehung hat ferner darauf zu sehen, dass die Schüler nicht ohne dringende Veranlassung die Schule versäumen, namentlich nicht wegen kleiner, oft blos vorgeschützten Unpässlichkeiten, welche zu beurtheilen die Schule in den meisten Fällen nicht im Stande ist. Nur zu häufig zeigt sich jedoch, dass an den Schultagen, an welchen der Nachlässige und Träge als krank angemeldet wird, Arbeiten abgegeben werden sollen, die, obwohl lange vor seinem Unwohlsein aufgegeben, von ihm nicht gefertigt worden sind. Nicht selten sind auch häusliche Feste die Ursache, den Schüler vom Besuch des Unterrichts abzuhalten. Die Schule ist weit entfernt den Sinn zu missbilligen, der Eltern wünschen lässt, die Ihrigen alle an einem die Familie näher betreffenden freudigen oder traurigen Tage um sich versammelt zu sehen; doch sollen sie dabei in Mass und Auswahl der Zeit einige Rücksicht auf die Schule nehmen und nicht schon vor der eigentlichen Schulversäumniss den Schüler durch Betheiligung an Vorarbeiten zu dem Feste oft so zerstreuen, dass er für seine Schularbeiten keine Ge- danken und keine Zeit mehr hat. Wenn den Gesellschaften u. s. w., die der Vater zu geben vielleicht genöthigt ist, der Schüler, der in der Regel gar nicht dahin gehört, von Anfang pis zu Ende beiwohnt, sich wohl noch für den folgenden Tag damit entschuldigt, dass er die Nacht schlaflos habe hinbringen müssen, oder wenn er durch öftere Lustpartieen, Vergnügungs- reisen u. s. w. auf kürzere oder längere Zeit der Schule entzogen wird; so kann diess für Unterricht und Erziehung nur nachtheilig sein. Solche den Schulunterricht störende Ver- gnügungen dürfen nur sehr selten eintreten und sollten selbst alsdann gewissermassen nur als Belohnung erfüllter Pflicht, gewissenhaften Fleisses und guten Betragens in und ausserhalb der Schule von den Eltern gewährt werden. Es ist hierbei nicht bloss die Versäumniss der Unterrichtsstunden, die schädlich einwirkt, sondern ebenso sehr die Zerstreuung des Schülers vor- und nachher, da die jugendliche Phantasie sich weit lebhafter und länger damit beschäf- tigt, als die Erwachsenen glauben, und nicht selten ein darauf folgendes Unwohlsein noch weitere Versäumnisse herbeiführt. Dazu kommt, dass selbst der fleissige Schüler Zeit und Mühe aufwenden muss, um sich in den unterbrochenen Unterricht wieder zu finden, wie viel mehr der leichtsinnige und nachlässige. Von ihm wird das Versäumte selten nachgeholt, kann oft nicht nachgeholt werden. Höher jedoch als dieser Ausfall an Kenntnissen ist in sittlicher Beziehung die daraus hervorgehende Abstumpfung, wenn nicht gar Ertödtung des Gefühls für gewissenhafte Erfüllung alles dessen, was die Pflicht fordert, in Anschlag zu bringen. Dieses Gefühl für Pflicht muss gleich dem Gefuühl fur Sittlichkeit und Religion von frühester Jugend an in dem Kinde geweckt, gepflegt, geschont und erhalten werden. Es ist daher eine Haupt- aufgabe der häuslichen Erziehung und den Eltern gerade in unserer Zeit dringender als je an das Herz zu legen, alles das hervorzuheben und zu begünstigen, was diese Gefühle anregt und stärkt. Der Aufenthalt in der freien Natur und die Beobachtung ihrer Erscheinungen,