9
Die Schule darf verlangen, dass die häusliche Erziehung das Kind schon von frühester Jugend an zur Ordnung und Pünktlichkeit, überhaupt zu einer streng geregelten Lebensweise gewöhnt. Arbeit und Erholung, Essen und Schlaf sollen ihre bestimmten Stunden und zeit- liche Beschränkung haben, wovon nur selten und in ausserordentlichen Fällen eine Abwei- chung stattfinden darf. Die störenden Launen und Begierden treten dann weit eher zurück, die Ruhe im Verlangen und Genuss wird befördert, und die Fertigung der nöthigen Arbeit fällt dem jungen Herzen nicht schwer, wenn die gewöhnliche Stunde zur Arbeit erschienen ist. In den Fällen, in welchen für diese zu wenig Zeit übrig bleibt, wird meistens Mangel an richtiger Eintheilung der Grund davon sein, und wenn der Knabe durch geregelte, feste Tagesordnung Vielen zu sehr beengt und gedrückt erscheint, so beruht dieses auf einer blosen Täuschung. Die grössten und freiesten Geister sind unverkümmert aus solchen An- stalten hervorgegangen, in denen Alles an fest bestimmte Stunden gebunden war, und blieben stets mit Hochachtung gegen ihre früheren Bildungsanstalten erfüllt.— Je strenger die häus- liche Erziehung diesen Grundsatz durchführt, desto mehr wird sie nicht nur Ordnung und Regelmässigkeit im äusseren, sondern durch den wechselseitigen Eiaſtuss selbst im geistigen Leben des jungen Menschen hervorrufen, ihm alle seine Arbeiten erleichtern, ja ihn Zeit ge- winnen lassen. Schwäche, die aus Liebe den Kindern Alles nachsieht, Nichts versagen kann, macht sie unordentlich, genusssüchtig, weichlich, eigensinnig, selbst für Unterricht un- empfänglich. Wahre Liebe sorgt für das Kind mit weiser Strenge, selbst mit Aufopferung eigner Genüsse und oft mit blutendem Herzen.
Wie die Familienerziehung das Kind an Ordnung gewöhnen soll, so bewahre sie es auch vor körperlicher und geistiger Verweichligung. Die erstere übergehe ich hier, so oft sie auch aus übergrosser Aengstlichkeit für die Gesundheit des Kindes den Grund zu einer durch das ganze Leben sich hinziehenden Schwächlichkeit legt, und rede nur von der geistigen Verweichligung, die gleich der körperlichen eine oft unüberwindliche Scheu vor aller An- strengung und Beschwerde herbeiführt. Wer nur nach Laune arbeiten kann, das Schwierige immer bei Seite schiebt, längere Anstrengung nicht aushält oder sich zu dem, was er selbst thun sollte, fremder Hilfe bedient, wird so wenig etwas Tüchtiges leisten, als der, welcher schwimmen lernen will, aber nicht den Muth hat, ins Wasser zu gehen. Jede Kraft, die wachsen soll, muss nicht nur geübt, sondern zuweilen auch angestrengt werden. Die Siege. die der Knabe im Kampfe mit seiner Trägheit, seiner Spiellust und andern Lieblingsneigungen davon trägt, die Freude über den glücklichen Erfolg seiner Anstrengung mehren seine Spann- kraft und erzeugen in dem Jüngling die Begeisterung, welche jeder, der etwas Tüchtiges leisten will, für seinen Beruf erlangen muss. Eine unverhofft sich darbietende Gelegenheit zu einem Vergnügen, etwas Kopf— oder Zahnschmerz wird dann, wo die Pflicht es fordert, viel leichter überwunden und aus dem Sinne geschlagen. Die Erfahrung lehrt, dass nicht die fleissigen Schüler wegen eines solchen unbedeutenden Unwohlseins die Schulstunden versäumen—
2


