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sie solches sehen oder hören können, zu entfernen. Man glaube nicht, dass sie darauf nicht achteten, denn für Nichts ist die Jugend scharfsichtiger und aufmerksamer als für Dinge der Art, und oft reisst dann ein Augenblick nieder, was die Schule durch Jahre langen Unter- richt und Belehrung mühsam aufgebaut hat.—
Neben dieser mehr mittelbaren Einwirkung durch das Beispiel müssen die Eltern bei der Behandlung und Leitung der Unmündigen noch unmittelbar thätig eingreifen, theils ver- hütend, theils bildend. Vor Allem haben sie desshalb über die Grundsätze der Erziehung nachzudenken, nachzulesen und sich zu belehren. Gelehrsamkeit ist dazu nicht nöthig, nur gesunder Verstand und Aufmerksamkeit.— Ist, wie oben gesagt wurde, Uebereinstimmung in Zweck und Mitteln zwischen der häuslichen und öffentlichen Erziehung nothwendig, wenn das gewünschte Ziel erreicht werden soll, so wird eine noch weit innigere Harmonie in den Erziehungsgrundsätzen zwischen den Eltern selbst erfordert, wenn sie das wahre Wohl ihrer Kinder befördern wollen. Wenn die Mutter dem lieben Söhnchen hinter dem Rücken des Vaters erlaubt, was dieser verboten hat, wenn sie den vom Vater ertheilten, verdienten Ver- weis oder die von ihm verhängte, gerechte Strafe durch übertriebene Liebkosungen und Ge- schenke wieder gut zu machen sucht, vielleicht noch gar missbilligend über die über- grosse Strenge des Vaters sich ausspricht, wie kann da die Erziehung gedeihen?
Haben sich die Eltern über die zu befolgenden Erziehungsgrundsätze geeinigt, so müssen diese auch streng und folgerichtig zur Anwendung kommen. Weder dem eignen, leicht be- stechlichen Herzen, noch der Laune des Zöglings darf nachgegeben werden. Das Kind will man ja zum Leben erziehen, in dem ihm auch nicht alles Unangenehme abgehalten werden kann.
Soll die häusliche Erziehung den oben erwähnten, tief eingreifenden Einfluss auf die Kinder üben, so dürfen sie natürlich nicht von dem Umgang mit ihren Eltern ausgeschlossen werden, und diese dürfen nicht für Alles eher Zeit finden, als für die Beschäftigung mit ihren Kindern. Wo freilich eine Einladung zum Kaffe oder Thee, der Besuch des Konzertes oder Theaters, ein Ball oder eine Landpartie denselben die Veranlassung gibt, sich fast immer aus dem Kreise der Familie zurückzuziehen, wo bei solchen Gelegenheiten die Bitten der Kinder, doch bei ihnen zu bleiben, mit den kurzen Worten zurückgewiesen werden:„Dazu habe ich keine Zeit“, wo die munteren Spiele, zuweilen auch die Zänkereien und Streitig- keiten der Kleinen die Nerven der Mutter zu sehr angreifen oder den Vater in seinen Er- hohlungsstunden stören, und diese lärmenden Quäl- und Plagegeister so weit wie möglich aus ihrer Nähe verbannt werden; da kann freilich die wohlthätige Einwirkung des Vaterhauses auf die Erziehung sich nicht zeigen.
Die Sorge für die früheste Entwickelung des Körpers und des Geistes fällt, wie oben schon gesagt ist, vorzugsweise der Mutter zu, ein Wirkungskreis, der, ganz abgesehen von der körperlichen Pflege, die ich hier nicht weiter verfolgen will, von weit grösserem Einflusse


