Aufsatz 
Elternhaus und Schule / von Wilhelm Karl Lex
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6 der letzteren, mag sie auch Alles aufbieten, für die Bildung ihrer Schüler, zumal die sittliche, die dem Menschen den höchsten Werth verleiht, von sehr geringem Erfolg, oft ganz ver- geblich. Dass aber gerade in dieser Beziehung noch viel, sehr viel zu wünschen übrig bleibt, kennt jeder wahre Freund der Jugend und fühlt sich mit um so grösserem Schmerz erfüllt, je mehr er bemerken kann, dass die meisten in dieser Angelegenheit gesprochenen Worte ungehört verhallen.

Beispiel und Gewöhnung sind zwei Hauptmittel zur Erziehung des Menschen und bei einem Kinde von dem eingreifendsten Einflusse auf dessen Richtung zum Guten oder Bösen. Wo wirken diese aber früher und andauernder auf dasselbe ein, als in der Familie? Das Beispiel seiner Eltern und seiner ganzen Umgebung, besonders erwachsener Personen, die es achtet und liebt, und denen es sein Vertrauen schenkt, das Beispiel seiner Spielgenossen, selbst der Dienerschaft und des Gesindes, von denen wir später noch ein Mal sprechen werden, steht täglich vor seinen Augen. Der Geist, der Ton des Hauses drückt sich von der frühesten Jugend an ununterbrochen dem zarten, empfänglichen Gemüthe des Kindes ein und gewinnt dadurch eine solche Stärke, dass er die Eigenthüumlichkeit desselben meistens für sein ganzes Leben bestimmt. Erkennt man ja oft blos an dem Aeusseren der Kinder, an Gang, Haltung des Körpers, Ton der Stimme u. s. w. die Gewohnheiten der Eltern. Nicht weniger tritt diese Aehnlichkeit in geistiger Beziehung, in Ansichten, Grundsätzen und Handlungsweisen hervor. Dass sie nicht noch mehr verbreitet und schärfer ausgeprägt ist, mag wohl daher rühren, dass ausser der Familie die Welt miterzieht und Manches abschleift und verwischt, selten ganz auslöscht, weil das, was in der Kinderseele frühe begründet wird, nicht leicht wieder ganz verloren geht.

Die Eltern sind also das erste und nächste Vorbild der Kinder in Tugenden sowohl als in Fehlern und Schwächen. Nur zu oft glaubt man, dass diese von den Kindern gar nicht bemerkt würden, und doch haben sie den entschiedensten Einfluss auf deren ganze Denk- und Empfindungsweise. Es ist daher ein grosses Glück, ein wahrer Himmelssegen, in einer intellektuel und moralisch gebildeten, edlen Familie geboren zu sein und in ihrem Schosse seine Jugend zu verleben. Die Gewöhnung, wovon oft erst das reifere Alter die Gründe gibt, hat dann von frühe an das Kind schon zum sittlichen Menschen herangebildet. Daraus folgt die Pflicht der Eltern, ihr ganzes Thun und Lassen in Gegenwart der Kinder aufs Strengste zu bewachen, ja selbst den bösen Schein zu meiden und dies nicht blos in ihren Handlungen, sondern auch in ihren Reden und Worten. Sehr unpädagogisch sind daher Aeusserungen der Eltern über die muthwilligen Streiche und Unarten ihrer Jugend- zeit im Beisein der Kinder, die von Manchen zur bessern Unterhaltung sogar noch ver- grössert und ausgeschmückt werden, ebenso unmoralische Scherze oder Spott über heilige Dinge. Schon ihr Anhören solcher Reden und noch mehr ihr Beifall darüber wirkt in hohem Grade nachtheilig. Die Kinder sind daher aus den Gesellschaften Erwachsener, wo