Aufsatz 
Elternhaus und Schule / von Wilhelm Karl Lex
Entstehung
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Zu solchen Beobachtungen bietet das Familienleben weit mehr Veranlassung als die Schule, und wenn auch die Erziehung, d. h. die absichtliche Einwirkung auf die Entwickelung und Ausbildung aller Anlagen des Menschen, eine Aufgabe der Schule ist, so fällt ihr doch vorzugsweise nur der Unterricht zu, der Theil dieser Einwirkung, der sich allein oder grösstentheils auf die erkennenden Kräfte des menschlichen Geistes richtet. Desshalb ist auch die Schule immer mehr Lehr- als Erziehungsanstalt. Sie kann daher das Elternhaus, wenn es ist, wie es sein soll, in der Erziehung, die nie ganz von dem Unterricht getrennt werden kann, nur unterstützen, nie ganz ersetzen. Leider muss sie sich aber heutigen Tags in sehr vielen Fällen glücklich schätzen, wenn die Familie nur den verhütenden Theil der Erziehung übernimmt, d. h. dafür sorgt, dass das ursprünglich Gute im Menschen nicht untergehe, und böses Beispiel keinen Einfluss gewinne. Und doch haben die Eltern den nächsten Beruf und die natürlichste Verpflichtung, für die Entwickelung der körperlichen und geistigen Kräfte ihrer Kinder zu sorgen, doch ist das Elternhaus die Stätte, wo Bildung des Gemüthes und der ganzen sittlichen Kraft am Besten gedeiht, und die Familie der Kreis, in dem schon allein durch seine innere Haltung gute Sitte, Zucht und Gottesfurcht wurzelt und erstarkt. Nur im Vaterhause finden sich Elternliebe, Geschwisterliebe, Sinn für häusliches Glück, frühe Theilnahme an Allem, was das Haus angeht, alles gewissermassen instinktartig und alles Em- pfindungen, welche die fruchtbringenden Keime der wahren Menschenbildung enthalten. Eltern dürfen sich daher der Erziehung ihrer Kinder, so weit sie dazu fähig sind, nicht ent- schlagen. Ihnen fällt die Sorge für deren physisches und moralisches Wohl sowie die erste Entwickelung ihrer Erkenntnisskräfte in dem früheren Alter vorzugsweise, in dem mehr vor- gerückten wenigstens die thätigste Mitwirkung und Unterstützung dabei zu. Die Schule steht darin gegen sie zurück und muss immer das natürliche Uebergewicht des Hauses anerkennen. Die tausenderlei kleinen Leiden und Freuden, welche wir an der Stätte erfahren, wo wir zum ersten Male das Licht der Welt erblickt und die Jahre der Kindheit verlebt haben, fesseln mit grosser, unvergänglicher Gewalt, und diese Gewalt ist es, durch welche die Eltern und das Vaterhaus so viel Gutes, aber auch so viel Böses bei ihren Kindern stiften können. Haben doch selbst Männer ihr undankbares Vaterland noch geliebt, als sie von ihm ungerecht verbannt und verstossen worden waren! Der Lehrer kann nicht geben, was dort dem Zög- ling von selbst erwächst, aber weiter bauen kann er auf dem, wozu dort der Grund ge- legt worden ist.

Wie die guten, so schlagen auch die bösen Neigungen und Leidenschaften, die qurch oft wiederholte Eindrücke in der Jugend erregt werden, tiefe Wurzeln, werden, wie man sagt, zur andern Natur und können später gar nicht, oder nur mit der grössten Mühe und An- strengung ich will nicht sagen getilgt, sondern nur der Herrschaft der Vernunft unterworfen werden. Wenn daher Eltern ihre Erziehungsweise nicht von vernünftigen Grundsätzen leiten lassen, wenn das Haus mcht Hand in Hand geht mit der Schule, so sind die Bemühungen