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und Schulblättern schon vielfach besprochen und den Eltern ans Herz gelegt worden; aber wie Viele ausser den Schulmännern erhalten und lesen solche Abhandlungen? Da nun die Einladungen zu den öffentlichen Schulprüfungen in die Hände der Eltern und mancher andern den Schülern nahestehenden Personen kommen, so dürfte es nicht unzweckmässig sein, wie solches auch die betreffende Verordnung gestattet, wenn statt der denselben gewöhnlich bei- gegebenen philologischen oder anderen streng wissenschaftlichen Abhandlungen dann und wann auch die Aufgabe der Jugendbildung von verschiedenen Seiten einer Besprechung gewürdigt und dabei vorzüglich im Auge behalten wird, den Eltern eine Veranlassung zu geben, ihre Ansichten zu prüfen, zu berichtigen und sich selbst über die ihnen obliegenden Pflichten klarer zu werden.
Von dieser Ansicht geleitet benutze ich die in diesem Jahre mir gebotene Gelegenheit zu einer derartigen Betrachtung, die durchaus keinen Anspruch macht, etwas Neues zu bringen, sondern nur auf das Zugeständniss, dass sie aus voller Ueberzeugung und aus der besten Absicht hervorgegangen ist. Weit entfernt, hier etwas Besonderes, Eigenthümliches sagen zu wollen, stelle ich nur Bekanntes und oft schon Ausgesprochenes übersichtlich zu- sammen, wie es sich mir in langjähriger Erfahrung bewährt hat, um es den Eltern, welche sich in ihrem Berufe weniger mit pädagogischen Grundsätzen beschäftigen können, zu wei- terem Nachdenken zu empfehlen, oder es auch nur wieder aufs Neue in ihr Gedächtniss zu rufen. Ich fühle mich um so mehr dazu aufgefordert, weil bei der Erziehung, ebenso wie in der ethischen und politischen Welt, sehr oft aus Kleinem, ganz Uebersehenem Grosses und Folgenreiches hervorgeht und Tugenden und Untugenden nicht auf einmal, sondern nach und nach meistens durch das Zusammenwirken so unbeachteter Kleinigkeiten entstehen, dass nicht selten ihre Erklärung ganz unmöglich erscheint.
Diese Kleinigkeiten, diese unbedeutenden Vorfälle, welche an und für sich wenig in die Augen springen oder wegen ihrer Anfangs nicht leicht zu entdeckenden Folgen von den Meisten wenig beachtet, vielleicht ganz übersehen werden, bestimmen oft das ganze Leben und den Charakter eines Menschen und verdienen daher bei der Jugenderziehung eine beson- dere Beachtung. Sie sind für sie in doppelter Beziehung wichtig, ein Mal wegen ihrer eben- erwähnten näheren oder entfernteren Folgen, dann aber auch noch dadurch, weil sich dabei der Zögling meistens ganz gehen lässt und sich ohne Verstellung so zeigt, wie er ist, wo- durch um so leichter auf dessen Fähigkeiten, Neigungen und Gemüthsart u. s. w. geschlossen und bei der Behandlung Rücksicht genommen werden kann. Auch ist oft das, was der Er- wachsene für eine Kleinigkeit halt, es nicht für die Jugend. Sie ist für alle Eindrücke des Em- pfindungs-, Vorstellungs- und Begehrungsvermögens empfänglicher, weil die Kräfte in ihr regsamer sind, das Meiste für sie neu ist und dadurch stärker reizt. Es macht desshalb Vieles auf sie einen bleibendern Eindruck und ist von wichtigeren Folgen, als die glauben, die länger gelebt haben und gegen solche Eindrücke schon abgestumpft sind.


