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Aber nicht nur Verſtandes⸗, ſondern auch Charakterbildung, deren Vernach⸗ läſſigung man den Schulen neuerer Zeit und vielleicht nicht ganz mit Unrecht zum Vorwurfe macht, da die vorherrſchende Richtung auf Kenntniſſe und Einſicht durch die abſtrakt wiſſenſchaftliche Behandlung der meiſten Lehrgegenſtände das Gemüths⸗ leben immer mehr zurückgedrängt hat, auch die Charakterbildung kann durch einen ſolchen Unterricht in der Mutterſprache einen neuen Stützpunkt erhalten. Der zum Träger deſſelben beſtimmte Leſeſtoff kann ſo vielſeitig anregend gewählt werden, daß Verſtand und Gefühl in richtigem Verhältniß beruckſichtigt ſind. Auf dieſe Aus⸗ wahl, welche für den Erfolg des ganzen Unterrichts von der höchſten Wichtigkeit iſt, werde die größte Sorgfalt verwendet. Sie werde beſtimmt:
1) Nach dem bildenden Einfluſſe, welchen das zu leſende Stück auf ein reines, kräftiges Gemüthsleben übt. Je mehr dieſe Seite der Erziehung in unſerer Zeit in den Hintergrund getreten, und je ſchwerer für ſehr viele Lehrer ihre Behaud⸗ lung iſt, deſto mehr muß ſie in dem Leſeſtoffe berückſichtigt werden.
2) Nach der Erweiterung und Vertiefung des Anſchauungs⸗ und Gedankenkrei⸗ ſes, der nach der Faſſungskraft der Schüler und in ſteter Uebereinſtimmung mit dem übrigen Unterricht zu beſtimmen iſt.
3) Nach der Einwirkung auf die praktiſche Geläufigkeit in der Mutterſprache und auf den Sinn für Klarheit und Zuſammenhang im Denken.
4) Nach dem Gewinn einer poſitiven Grundlage für die theoretiſche Einſicht der in der Schule vorkommenden Wiſſenſchaften und
5) Nach der Bekanntſchaft, die dadurch für den literäriſchen Schatz unſerer Na⸗ tion, vorzüglich den poetiſchen erreicht wird.
Zu einer umfaſſenden Lektüre reichen freilich die wenigen Schulſtunden, die darauf verwendet werden können, nicht aus; ſie ſollen dem Schüler auch nur An⸗ leitung geben, lebhafte Theilnahme daran und Luſt und Liebe dazu in ihm erwecken. Vieles davon kann dann ſeinem Privatfleiße unter Beirath und Aufſicht des Leh⸗ rers überlaſſen werden.
An Leſeſtoff kann es bei unſerer reichhaltigen und vielſeitigen Literatur nicht ſehlen; beſonders aber möchten der Privatlektüre außer dem, was wir in der Dicht⸗ kunſt Muſtergiltiges beſitzen, Lebensbeſchreibungen ausgezeichneter Männer, vorzugs⸗ weiſe ſolcher zu empfehlen ſein, welche Wiſſenſchaft und Kunſt weiter gefördert ha⸗ ben, da an dem Leben das Leben ſich bildet.— In den oberen Klaſſen würden ſelbſt gelungene Ueberſetzungen klaſſiſcher Werke alter und neuer Zeit mit in dieſen Kreis zu ziehen ſein und reichen Stoff zu fruchtbaren Vergleichungen bieten. Das ganze griechiſche Alterthum aber, die Klaſſiker in Ueberſetzungen, zum Kern der Bil⸗
dung in den Realſchulen zu machen, wie vorgeſchlagen wurde, ſcheint mir eine ein⸗ ſeitige Ueberſchätzung der alten Griechen zu ſein und eine völlige Verkennung der Gegenwart. Denn eine wichtige Seite des deutſchen Sprachunterrichtes würde da⸗ durch ganz unbeachtet bleiben, der Einfluß, welchen er übt auf Weckung und Erhaltung der Nationalität, des Geſühles der Einheit und Selbſtſtändigkeit eines großen herr⸗ lichen Volkes. Kenntniß unſerer Sprache, Vertrautheit mit den ausgezeichneten


