Aufsatz 
Über Zweck, Einrichtung und Notwendigkeit der Bürger- und Realschulen
Entstehung
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Nur in der Sprache denken wir, nur in der Sprache bringen wir unſere Gefühle und Empfindungen zum gegenſtändlichen Bewußtſein, nur in der Sprache legen wir die in uns verborgene Welt des Geiſtes an das Licht des deutlichen Begriffs; durch ſie wirkt der Geiſt auf den Geiſt. Die Sprache aber, in welcher wir zu denken, in welcher wir unſere Gefühle auszudrücken gewohnt ſind, iſt unſere Mutterſprache. Sie verdient daher vor Allem Berückſichtigung im Jugendunterrichte. Denn wer ſeiner Mutterſprache nicht Meiſter iſt, kommt nicht zu vollem Bewußtſein ſeiner ſelbſt, und wer in ihr nicht frei ſich bewegen kann, der kann Anderen nicht mit⸗ theilen, was in ſeinem Inneren vorgeht, kann auf Andere nicht wirken. Der Unterricht in der Mutterſprache befähigt den Schüler vorzugsweiſe, allen übrigen Lernſtoff zu bewältigen und zu verarbeiten, und daß ſo viele Schüler in anderen Lehrgegenſtänden und namentlich in den fremden Sprachen ſo wenig leiſten, kommt oft allein daher, weil ſie dieſelben anfangen zu lernen, ehe ſie noch den nöthigen Grund in der Mutterſprache gelegt und an ihr die nöthige Geiſtesreife erlangt haben. Sie muß der Anlehnpunkt für alle Lektionen ſein, und gleich einem rothen Faden bald ſtärker bald ſchwächer durch alle ſich durchziehend ſie, wechſelſeitig för⸗ dernd und gefördert, zu einem Ganzen zuſammenhalten.

So wenig aber die Einübung eines trocknen Schematismus der blos äuße⸗ ren Form die an den lateiniſchen, und griechiſchen Autoren gerühmte, bildende Kraft beſitzt, wie vielmehr die ein jedes klaſſiſche Werk der Alten durchdringende und in ſeiner ganzen künſtleriſchen Form ſich ausprägende Idee es iſt, an welcher der jugendliche Geiſt ſich erwärmt und zu allem Hohen begeiſtert, ebenſo wenig und noch weit weniger kann bei dem Unterricht in der Mutterſprache der reifere Jüng⸗ ling an bloſer Erklärung grammatiſcher Formen eine kräftige, ftärkende Nahrung finden, und ebenſo, wie dort, muß auch hier an den Meiſterwerken unſerer Nation ihm der Geiſt dieſer Kunſtgebilde erſchloſſen, und er in die ideale Welt eingeführt werden.

Die äußere Form, welche der Schüler meiſt aus eigenem Gebrauche ſchon kennt, wird ihm dabei nur zum deutlichen Bewußtſein gebracht und ihre Bedeu⸗ tung für den geiſtigen Inhalt und ihre Uebereinſtimmung mit demſelben nachge⸗ wieſen werden müſſen.

Eine der Entwickelungsſtufe des Schülers angemeſſene Lektüre aus deutſchen Muſterſchriften unter Anleitung des Lehrers iſt daher in den oberen Klaſſen ein Hauptgegenſtand des deutſchen Unterrichtes und darf ſelbſt in den unteren Klaſſen nicht vernachläſſiget werden. Sie iſt die natürliche Grundlage für einen Intereſſe erweckenden, wahrhaft fördernden, grammatiſchen Unterricht und jede ſonſtige, theo⸗ retiſche und hiſtoriſche Belehrung über die Sprache, für Metrik, Poetik und Lite⸗ raturgeſchichte, ja für alle eigne Produktionen, zu welchen ſie außer ihrer anregen⸗ den und aufmunternden Kraft dem Schüler reichhaltigen Stoff in muſtergiltiger Form zuführt. Er erhält durch ſie Gedankenfülle und Sprachfertigkeit und zugleich ein weites Uebungsfeld für alle ſeine bisher erworbenen Kenntniſſe und erlangte geiſtige Reife..