zeifgeemäss um uns her gestalteten Verhältnisse anschliesst, muss daher jenes ideale Leben dem wirklichen näher gebracht, jener sich erhebende Zwiespalt vermittelnd gelöst werden. Was kann aber den alten Sprachen dafür zweck- mässiger zugeordnet werden, als die Muttersprache? Neben den hohen Idealen, die uns die Alten vorführen, und die den so gern in einer Phan- tasienwelt lebenden Jüngling in glühender Begeisterung hinreissen, lerne er zugleich die glänzenden Vorbilder kennen, welche sein Volk und seine Sprache ihm bieten. Gleiche Hochgefühle werden sie in seiner Brust er- wecken und auch hier die Muttersprache als würdigen Unterrichtsstoff dem Griechischen und Lateinischen zur Seite stellen.
Wir wenden uns nun zu dem zweiten Vorzug, den die alten Sprachen vor der Muttersprache voraus haben sollen. Weil sie nur mit Mühe und Anstrengung erlernt werden, sollen sie den Schüler zum eignen Nachden- ken nöthigen und dadurch seine Geisteskraft mehr üben und stärken, als die Muttersprache. In dieser werde er sich der Regeln und Gesetze, die sie befolge, nie deutlich bewusst; er lerne sie aus dem Gebrauche mechanisch, lerne sie früher, als sein Verstand zur Aufrhssung einer allgemeinen Regel sich erhoben habe.
Wir müssen uns hüten, hier nicht der Sprache zum Vorwurf zu ma- chen, was nur allein die bisher befolgte, fehlerhafte Methode bei ihrem Unterrichte betrifft. Gewiss wäre es auffallend und den Gesetzen der Psy- chologie widersprechend, wenn man aus dem Bekannten die Regeln nicht so leicht sollte ableiten können, als aus dem weniger Bekannten, oder wenn es schwerer fallen sollte, einer allgemeinen Regel Bekanntes unterzuordnen, als Fremdes. Und haben denn die alten Griechen durch die alleinige Er- lernung ihrer Muttersprache geringere Fortschritte in ihrer geistigen Aus- bildung g gemacht, als wir? Oder zeigen sie weniger Geistesgewandtheit? Wenn aber ihre Sprache der alleinige sprachliche Unterrichtsstoff war, dureh den sie diese vielseitige Bildung erreichten, so dürfen wir doch von unserer Muttersprache in Verein mit dieser griechischen und der ihr nicht viel nachstehenden lateinischen Sprache einen gleichen Erfolg erwarten. 2*


