— 12—
Man werfe mir nicht ein, als seien die glücklichen Naturanlagen dieses Vol⸗ kes, sein Rlima, sein Boden, die vortheilhafte Lage seines Landes u. s. w. die IHauptursachen sciner so ausgezeichneten Geistescultur gewesen, und was erst aus ihm geworden wäre, wenn es einen dem unsrigen ähnlichen Bil- dungsgang eingeschlagen hätte. Der letzte Einwand beweist gar nichts und kann von beiden Theilen zu ihrem Vortheil aufgestellt werden, und wenn ich Nationalverschiedenheit in Bezug auf geistige Anlagen zugehe und gern glaube, dass man aus einem heutigen Pescheräh das nicht herausbilden kann, was man aus einem alten Griechen in dem Zeitalter eines Perikles heraus- bilden konnte; so ist doch dieser Unterschied nur durch einen Jahrhunderte hindurch dauernden Einfluss äusserer, günstiger oder ungünstiger Verhält- nisse bedingt und hervorgerufen worden. Und sollten denn diese Verhält- nisse für die Deutschen sich so ungünstig gestaltet und sie so tief gegen die Griechen in geistigen Naturanlagen zurückgestellt haben, dass sie nicht fähig sein sollten, sich auch an ihrer Mattersprache zu bilden, zumal da dieselbe schon durch sich selbst und durch die alten Sprachen zu einer so grossen Vollkommenheit gelangt ist, und wir in wissenschaftlicher Ausbildung hoch über ihnen stehen? Vielleicht ist Vorliebe zu meinem Volke und Vater- lande daran Schuld— ich kann mich davon nicht überzeugen. Auch wird ja die Ausbildung an der Muttersprache allein nicht einmal verlangt, es soll dieser nur gleicher Rang mit den alten Sprachen eingeräumt werden. Man treibe sie nur auf eine naturgemässe Weise, und die Erfahrung wird im Grossen bestätigen, was sich jetzt nur bei einzelnen Individuen zeigen konnte, dass auch unsere Muttersprache ein ausgezeichnetes, formales Bil. dungsmittel ist. Selten waren bisher solche Erfahrungen, weil wir dem Schüler, der zu einer höheren Bildung bestimmt ist, den hergebrachten Un- terrichtsgang aufdringen, da wir ihm zu einem andern keine Gelegenheit bieten..—
Die Vernachlässigung der Muttersprache auf unsern meisten Gelehrten-
schulen fällt dadurch weniger in die Augen und hat sich desswegen noch
nicht so nachtheilig in ihren Folgen gerächt, als man befürchten musste, weil bei dem Erlernen des Griechischen und Lateinischen immer noch ein


