Aufsatz 
Welche Stelle ist dem Unterrichte in der Muttersprache auf den deutschen Gymnasien einzuräumen? / von Wilhelm Karl Lex
Entstehung
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unbeholfen blieb? Wenn die Ausgezeiehnetsten der Nation durch den

Gang ihrer Erziehung und weil sie der Ausbildung ihrer Muttersprache

vorangeeilt waren, sich in einer fremden, durch fremde Ideen angeeigneten

Sprache ausdrückten woher soll die Ausbildung der Muttersprache kom-

men? Wer die Riesenschritte kennt, welehe diese machte, seitdem geist-

reiche Männer das Deutsche zur Darstellung ihrer Gedanken gewählt haben, besonders seit der kräftigen Bibelübersetzung Luthers, wird gewiss nicht daran zweifeln, dass unsere Sprache der grössten Vervollkommnung fhig ist.

Schon sehen wir nach drei Jahrhunderten die segensreichen Folgen ihres

Anbaues in einer stark und schön aufgeblühten, Rlassischen Nationalliteratur,

welche immer grössere Bildung über alle Stände bis in die niedrigsten HHüt-

ten des Volks verbreitet. 1 Die Gründe, welehe man für die Einführung und Beibehaltung der al-

ten Sprachen als einzigem sprachlichen Bildungsmittel in unsern Gelehr-

tenschulen zum Nachtheil der Muttersprache geltend machte, und worauf man sich hin und wieder noch stützt, um denselben den früher behaupteten Vor- zug zu erhalten, wollen wir hier kurz anführen und mit Bezug auf das

Deutsche etwas näher beleuchten.

1) Sollen allein das Griechische und Lateinische in ihrer nach allen Rich- tungen hin vollendeten Form uns in das Alterthum einführen, das mit

seinem kräftigen Streben der hervorbrechenden RKraft nach klar gedach-

ten Idealen als das Jugendalter der Menschheit vor uns stehe. Sein Ge- sichtskreis sei noch nieht ausgedehnt und daher in allen Umrissen schär- fer bestimmt; alle Verhältnisse scien weniger verwickelt und dadurch leichter zu überschauen. Von dem Rnaben und Jünglinge werde daher das, was so ganz mit seiner Denk- und Gefühlweise übereinstimme, leich- ter erfasst und besser verstanden und müsse dadurch stärker auf ihn ein- wirken.

2) Die Muttersprache erlerne jeder ohnehin. Er erlerne sie ohne Anstren- gung, werde sich daher der Gesetze, die sie befolge, gewöhnlich gar nicht bewusst und entbehre dadurch gerade das Bildende, das in der Er- lernung einer fremden Sprache liege.

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