Aufsatz 
Welche Stelle ist dem Unterrichte in der Muttersprache auf den deutschen Gymnasien einzuräumen? / von Wilhelm Karl Lex
Entstehung
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Der Eimwurf, dass die Muttersprache zur formalen Entwickelung unse- rer Geisteskräfte weniger förderlich sei, als eine fremde, weil das Rind sie mühe- und fast bDewusstlos erlerne, durch die Gewohnheit zu sehr von der Form abgezogen werde und mit dem oft nieht einmal richtig aufgefassten Sinne allein sich begnüge, zu häuſig dem störenden Einlluss seiner die

Sprache gewöhnlich schlecht redenden Umgebung ausgesctzt sei, und was

dergleichen Gründe mehr sind, kann am Besten durch das Beispiel der so hoch gefeierten Griechen widerlegt werden. Wodurch erlangten denn diese ihre- Bildung? Wo finden wir, dass sie zu dem Zweck eine fremde Sprache erlernten, oder ihre Erlernung zur Bedingung einer guten Jagenderzichung

machten? Ihre Sprache, ihre Dichter, ihre Prosaiker waren es, die man mit dem Jünglinge las und durchging. Daher ihre Originalität selbst bei

dem, was sie aus der Fremde entlehnten. Durch den Ausdruck desselben in der Muttersprache schmiegte es sich mehr der eigenthümlichen Den- kungsart des Volkes an und verlor schon einen grossen Theil scines Fremd- artigen. 3

Gehen wir in das noch entferntere Alterthum zurüick, so Dietet uns Indien eine Sprache, die von Rennern als die vollkommenste gepriesen wird. Rönnen wir annehmen, dass das Volk, welches sie redete, durch eine fremde

Sprache sich auf diese Stufe der Bildung erhoben, müssen wir nicht viel-

mehr voraussetzen, dass es sich aus sich selbst herausgebildet hat?

Wenn nun schon hei den Griechen, um hbei ihnen stehen zu bleiben, die Muttersprache als ein vorzügliches, formales Bildungsmittel sich bewährt hat, wie viel mehr muss unsere deutsche Sprache dieses jetzt für uns sein können, da sie zum Theil selbst durch das Studium der Alten zu dem Grad der Ausbildung gelangt ist, den der Grieche ohne solche IIilfsmittel erst mühsam erreichen musste.

Aber, wirft man mir ein, unsere Sprache hat noch nicht das Vollen- dete der griechischen, nicht diese Fülle, nicht diese Bestimmtheit, nicht diese Angemessenheit des Wortes und der Verbindung. Das auch einmal zugegeben, so stand doch auch die griechische nicht gleich so vollendet da. Und was trägt die Schuld, dass unsere Muttersprache so lange ungelenk und