Aufsatz 
Welche Stelle ist dem Unterrichte in der Muttersprache auf den deutschen Gymnasien einzuräumen? / von Wilhelm Karl Lex
Entstehung
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ten Einrichtungen diese Abhängigkeit von Rom zum Theil noch fortdauren lassen. Nicht minder begünstigten das durch die Römer zu uns gekommene Christenthum und die enge Verbindung der abendländischen Rirche mit ih- rem gemeinsamen Oberhaupte in Rom die Einführung der lateinischen Spra. ehe in unsere Schulen und trugen Viel zu ihrer Beibehaltung bis auf unsere Tage bei..

Aus allen diesen Gründen wurde die Erlernung des Griechischen und besonders des Lateinischen für jeden Gebildeten nothwendig, und diese Sprachen der einzige sprachliche Bildungsstoff für die damalige Zeit. Deide waren schon in dem Mittelalter aus den Rlöstern, in welche sich der spär- liche Ueberrest der alten Cultur geflüchtet hatte, in die von Mönchen ge- leiteten Schulen verpflanzt worden und wussten sich darin lange als einzi- ges und bis auf die neueste Zeit wenigstens als vor allen andern bevorzug- tes Bildungsmittel zu erhalten.

Dauern aber obige Gründe noch fort? Sind Griechisch und Lateinisch noch jetzt als alleinige Grundlage der formalen Bildung durch Sprach- unterricht in unsern Gelehrtenschulen beizubehalten, oder tritt ihnen die Muttersprache mit gleichen Rechten an die Seite?

Der deutschen Sprache muss gewiss, nach ihrem gegenwärtigen Stand. punkte, auf unsern Gelehrtenschulen derselbe Rang, wie jenen, in dem Un- terrichte angewiesen werden, da sie uns in formalbildender Iinsicht eben- sogrosse Vortheile, als das Griechische und Lateinische, gewährt und bei zweckmässiger Methode der eigenthümlichen Entwickelung des deutschen Volkes mehr, als diese, zusagen muss. Jedenfalls wird durch ihre grössere Berücksichtigung auf unsern Schulen Vaterlandsliebe und nationales Selbst- gefühl mehr, als durch fremde Sprachen, erregt und belebt werden*).

*) Wenn die Stimme des Vaterlandes die Stimme Gottes ist, so kann diese zu gemeinschaft- lichen, allumfassenden und auf Tiefste greifenden Zwecken nur in der Sprache des Va- terlandes tönen; sie muss von Jugend auf durch alle Klassen der Nation an Herz nnd Geist erklungen sein; so nur wird durch sie ein Publikum verständig und verstanden,-- rend und hörbar. Jede fremde bleibt eine entzweiende Samaritersprache. Herder's Drief, zur Beförd. d. Hum. öte Samml.