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ahrungen der früheren Zeit ungenützt an uns vorübergehen lassen. So hätte der Gipfelpunkt ihrer Ausbildung der Anfangspunkt der unsrigen werden müssen, Wenn die damaligen Deutschen schon geistig gewandt genug gewe- sen wären, und ihnen nicht die Unfügsamkeit ihrer Sprache, der Ausdruck dieser Ungewandtheit, allenthalben entgegengestanden hätte.
Da es nun nicht in der Macht der Einzelnen stand, die damals nach höherem Lichte strebten, wie durch einen Zanberschlag sich ihre Mutter- sprache zu bilden, oder vielmehr das Volk, zu dem sie gehörten und dessen Sprache sie redeten, in der kurzen Zeit ihrer Wirksamkeit mit sich auf gleiche Stufe der Bildung zu erheben und so alle erworbene Begriffe und Ideen in der Muttersprache auszudrücken, alle Bestimmtheit und Schönheit der Form, die sie bei der fremden Sprache fanden, im eigenen Idiom wie- zugeben; so kann es hei diesen Männern nicht auffallen, dass sie die fremde
3 Sprache in ihren wissensechaftlichen Studien beibcehielten und sie Allen em- pfahlen, die ihnen nacheiferten, und wie sie, strebten, sich aus der dama- ligen Barbarei zu erheben. Griechiseh und Lateinisch musste von Allen,„ die auf Dildung Ansprueh machen wollten, gründlich erlernt werden, um das Ueberlieferte zu verstehen und zugleich die Schönheit der Einkleidung, die Uebereinstimmung des Ausdrucks mit dem Gedanken zu empſfinden.
Dazu kam, dass in der ältesten Zeit ein grosser Theil von Deutschland der Uebermacht der Römer erlegen war. Sie braeltten uns zwar ihre Bil. dung, aber zugleich mit ihr wurden fremde Einrichtungen, fremdes Recht und Gesetz in fremder Sprache den Deutschen aufgedrungen, deren Spuren auch nach der Befreiung von der Römerherrschaft nicht ganz verschwan- den. Spätere, einheimisehe Regenten, welche in ihren unruhigen, italieni- schen Besitzungen durch die Aufrechthaltung dieser von dem allen Rom her- rührenden Bestimmungen ihre oft wankende Gewalt befestigt hatten, ver- Pflanzten sie in gleicher Absicht aufs Neue wieder über die Alpen an die Stelle der noch weniger ausgebildeten, vaterländischen Institutionen. Die Römische Sprache erhielt dadurch einen nenen Stützpunkt in Deutschland, der um so wichtiger wurde, weil die Gleichgültigkeit gegen hergebrachte Gewohnheiten, oder die Scheu vor Aenderung alter, von den Vätern ererb⸗
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