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Während der erstere das Reinmenschliche hervorhebt, den Geist im Allgemeinen zu üben und zu kräftigen sucht, um ihn fähig und gewandt zu machen, sich mit Leichtigkeit anzueignen, was man auch dereinst von ihm fordern möge, wird bei dem zum Grunde gelegten Lehrstoff aus dem hlas. sischen Alterthume zu wenig Rücksicht genomumen auf die Verhältnisse des wirklichen Lebens. Ueber dem künftigen Gelehrten, oft bloss dem guten Lateiner, verliert man, wie Niemeyer sagt, den Menschen und Staatsbür- ger aus dem Auge und verzeiht alle anlere Fehler, nur keine gegen den Donat. Auf das für die menschliche Gesellschaft nothwendigste und unent- behrlichste Wissen wird kein Werth gelegt; das Meiste davon ganz ver- nachlässigt. Das Studium der alten Griechen und Römer soll für alles Uebrige Ersatz gewähren, und der bessere, auf diesem Wege unterriechtete Ropf, weleher hier, wie allenthalben, durch eigne Rraft das Fehlende er- günzte, das Verfehlte verbesserte und selbst durch die ihm entgegenstehen- den Hindernisse erstarkte, wird als schlaßender Beweis für die Vortrefflich- keit dieser Unterrichtsmethode auſgeführt.
Der Realismus geht von der entgegengesctzten Ansicht aus. Die Er- welterung des Wissens, in so fern es auf unsere Lebensverhältnisse seine Auwendung findet, hat er sich zur Aufgabe gestellt, und allgemeine Men- schenbildung, zu deren Erreichung alle unsere Renntnisse doch nur das Mittel sein sollen, wird dabei nicht berücksichtigt und soll von selbst sich ergeben. Was Schiller*) als Vorwurf für unsere Zeit überhaupt sagt, dass der Nutzen das grosse Idol sei, dem alle Rräfte frohnen und alle Ta- lente huldigen, das gilt insbesondere von dem Realismus. Die Nütalichkeit des zu Lernenden ist bei ihm leitender Grundsatz, und das Unterrichten wirdh zum Abrichten. Es ist zwar nicht zu läugnen, dass eine grosse Menge, zu- mal mittelmässiger, Röpfe sieh dadurch ihre Stellung im Staate sichert und oft recht brauchbare, wenn gleich mechanische, Arbeiter abgibt; selten aber werden diese Menschen einen Blick aus der Alltäglichkeit des Lebens hin- auswerfen und sich im Gewirre des menschlichen Treibens in ihrer Men- /—.
**) Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen.
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