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tragen ſoll. In der Chriſtenheit ſoll alſo der Glaube immerdar als Gefühls⸗, Erkenntniß und Beſtrebungs⸗Glaube zugleich bei Jedem lebendig ſein und alle menſchlichen Kräfte an das abſo⸗ lut⸗perſönliche Centrum der Welt anknüpfen. In der Kirche, dem Reiche des Geiſtes, ſoll nicht herrſchen ein hinkender, einſeitiger, halber und dadurch nicht ganz lebendiger Glaube, ſoll darum aber auch nicht gefordert oder angeſtrebt werden ein von irgend einem menſchlichen Individuum entnommener Individualglaube, welcher nach ſeiner eigenthümlichen Hauptform, Hauptrichtung und Hauptausprägung Allen trotz ihrer anders gearteten Individualitäten uniformmäßig aufge⸗ drungen würde. In der Kirche ſoll ſchlechterdings nicht regieren wollen ein Pauliſcher, ein Apolliſcher, ein Kephiſcher, ein Chriſtiſcher Glaube. Wir haben im Kanon der heiligen Schrift ſehr viele Bücher, in denen die Glaubensform eine ſehr mannichfaltige Ausprägung hat; wir haben 16 Propheten, 12 Apoſtel, 4 Evangeliſten, lauter heilige Männer, in denen allen der eine wahre Glaube eine eigenthümliche Ausgeſtaltung annahm; wir haben Briefe von Paulus, Johannes, Petrus, Jakobus und Juda, und in ihnen allen nicht zu läugnende Eigenthümlich⸗ keiten der intellektuellen oder gemüthlichen Glaubensform: Nichts deſtoweniger geht durch die ganze Bibel eine ſubſtanzielle Glaubenseinheit, Glaubensgeſundheit, Glaubens⸗Harmonie und Glaubens⸗ Konſequenz, die uns aufs wohlthuendſte berührt, in ehrfurchtsvolles Erſtaunen ſetzt und mächtig zum Glauben lockt. Der vom Evangelium geforderte Glaube ſoll demnach, wie auch ſchon von anderer Seite her in I entwickelt worden iſt, alle ſogenannten Seelenkräfte eines Menſchen gemeinſam erfaſſen, richten, erheben, poſitiv beleben und vollenden; er kann daher allerdings in jedem Einzelnen von irgend einer einzelnen Seelenkraft vorzugsweiſe ſeinen hauptſächlichen Ausgangspunkt nehmen, nach dieſer ſeine vorherrſchende Geſtaltung annehmen, und in dieſer ſein bedeutendſtes Gewicht entfalten. Sonach kann ſich und wird ſich auch thatſächlich der eine chriſtliche Glaube bei dem Einzelnen immer vorherrſch end entfalten und geſtalten en tweder als Gefühlsglaube, oder als Phanthaſieglaube, oder als Gedächtnißglaube, oder als Denkglaube, oder als vorzugsweiſe praktiſch gerichteter Willens⸗ und That⸗Glaube in wiederum ſehr man⸗ nichfaltiger Weiſe. Dieſe mannichfaltige Ausgeſtaltung des Glaubens iſt der Wille Gottes, des Schöpfers der Individualitäten, iſt gar kein Nachtheil für die Blüthe des Reiches Gottes, iſt im Gegentheile ſogar ſehr heilſam, gut und ſchön; wenn nur jener inviduell geſtaltete Glaube ernſtlich⸗lebendig vorhanden iſt und von ſeiner eigenthümlichen Grundgeſtaltung oder Grund⸗ richtung aus alle Kräfte und den ganzen Menſchen beeinflußt. Im ſeeligen Reiche der himm⸗ liſchen Vollendung wird das gewiß nicht anders ſein.
Darum verachte und tadle doch nicht das Kind, zerre, ſtoße und bohre nicht weihelos mit logiſch⸗kaltem Katechiſationsgeplänkel an dem Kinde, welches, von Mutterleibe an Gefühlsweſen, ſeinem Gotte und Heilande zumeiſt einen Gefühlsglauben widmet und in ehrlicher kind⸗ licher Ehrfurchtsempfindung niederknieet und anbetet. Freue dich vielmehr grade dieſer Gna⸗ denwirkung des heiligen Geiſtes an deinem Zöglinge. Mit aller Mühe und Anſtrengung wirſt du aus dem Gefühlskinde kein Verſtandeskind zurechtbringen. Es iſt pſychologiſch unmöglich und auch(Gott ſei Dank!) theologiſch gar nicht nöthig, daß du aus dem gefühlsgläubigen Kinde, ein denkgläubiges geſtalteſt. Sorge du nur in erbarmender Liebe, daß dieſer, nun einmal zu
beſonderer begrifflicher Schärfe und Begründung nimmer zu bringende, kindlich⸗warme Gefühls⸗ 2*


