Aufsatz 
Die Pflichtforderung pädagogischer Allseitigkeit konzentriert sich im Religionsunterrichte
Entstehung
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gefühlige Magdalenen⸗Glaube, der Zachäus⸗Glaube zu Jericho, der Schächer⸗Glaube auf Gol⸗ gatha, der inviduell in der That ſehr mannichfach geartete Glaube der 11 Apoſtel, alle nach der verſchieden erſchaffenen menſchlichen Seelenkonſtitution auch ſehr verſchieden gearteten Glaubensverfaſſungen und Glaubensphaſen, wenn nur ehrliches, ernſtliches, bußfertiges Sehnen nach dem Heile in Gott, ob auch noch ſo keimartig, vorhanden war, empfingen jeder Zeit in der weisheitsvolleſten, allſeitigſten und toleranteſten Weiſe Anerkennung, Förderung und Genüge.

Darum, lieber Lehrer, der du zur Pflanzung des Glaubens, zur Pflanzung chriſtlichen Glaubenslebens berufen biſt, nimm doch auch du überall mit liberalem tolerantem Sinne das Senfkörnlein des Glaubens in jeder noch ſo mannichfachen oder noch ſo unvollkommenen Ge⸗ ſtaltung zart und mit Freuden wahr und werde ihm allſeitig gerecht. Laß das pädagogiſche heilige Geſetz der Allſeitigkeit zu meiſt grade in deinem Religionsunterrichte walten und wolle doch nie und nirgends an irgend einem Kinde grade diejenige Glaubensausprägung oder Glaubens⸗ form ſchlechterdings erzielen, welche dir etwa nach deiner ſeeliſchen Konſtitution oder nach deinem Bildungsgange eigen geworden iſt.

Der Glaube, wie ihn die heilige Schrift, wie ihn inſonderheit der Herr Chriſtus in Seinem neuen Teſtamente will, iſt das Allſeitigſte und Umfaſſendſte, wozu ſich ein Menſch in ſeinem Leben entſchließen und herbeilaſſen kann; denn der Glaube iſt die innerlichſte, freieigenſte und dabei praktiſchſte, weil nach allen Richtungen hin ſofort Einfluß übende, That eines Menſchen, nämlich die entſchiedene Selbſtwidmung und Geſammtſelbſthingabe an Gott, den Schatz aller Schätze, wobei nichts vorenthalten wird, wobei von irgend welchem künſtlichen oder halben Machwerke gar nicht die Rede ſein kann, wo jeder Zwang, jede Ueberredung, Liſt oder Täuſcherei nicht nur umſonſt, ſondern geradezu vom Argen iſt. Der chriſtliche Glaube, dieſer heilsbegie⸗ rige unmitttelbare Totalaufſchwung zum Heilsinhaber oder Heilſpender, dieſe feſte frohe ge⸗ wiſſe Zuverſicht zum lebendigen dreieinigen Gotte, iſt, genau begriffen, eine Luſt, eine Neigung, eine Liebe zum höchſten Gute, eine Gottes⸗Liebe ohne irgend eine anthropologiſche Beſchrän⸗ kung, eine heilige Liebe als ſeeliges Gefühl und kindliche Empfindung, eine heilige Liebe als freudvollſte Geſchöpfes⸗Ueberzeugung, als ſeelige Anſchauungs⸗, Erinnerungs⸗, und Hoffungs⸗ Gewißheit, eine Liebe als ſüßer, heiliger Trieb des Wollens, Begehrens und Thuns mit Kopf und Herz und Mund und Hand.

Nirgends iſt dieſe Grundpflicht eines Menſchen, dieſer volle Anſchluß an Gott in geiſtiger Totalkraft, deutlicher bezeichnet, als in dem durch das ganze Wort Gottes Alten und Neuen Teſtaments hindurchklingenden, vom Herrn ſelbſt ſtets aufs entſchiedenſte betonten Worte:Das vornehmſte Gebot vor allen Geboten iſt das: Höre Israel, der Herr, unſer Gott, iſt ein einiger Gott; und du ſollſt Gott, deinen Herrn, lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüthe und von allen deinen Kräften. Das iſt das vornehmſte Gebot. Mark. 12, 29. 30. 5 Moſ. 6, 4. 5. Daß in dieſen Worten von der Liebe zu Gott der Glaube be⸗ ſchrieben iſt, geht unzweifelhaft für jeden ſprachkundigen Bibelforſcher grade aus den gehäuften und ſich ſteigernden pſychologiſchen Ausdrücken hervor, womit alle Kräfte des Menſchen um⸗ faſſet ſind, wie auch aus dem nach jener Evangelienſtelle folgenden Vers, wo diejenige Liebe gefordert wird, in welcher der Glaube thätig ſein, die er als vielgeſtaltige Frucht im Leben