Aufsatz 
Die Pflichtforderung pädagogischer Allseitigkeit konzentriert sich im Religionsunterrichte
Entstehung
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Es iſt alſo unzweifelhaft Sache innerer Naturnothwendigkeit, und kann nicht anders ſein: Der Menſch als geiſtig beſeeltes Weſen iſt ſpecifiſch religiös; die harmoniſche Geſammtentfaltung ſeiner Anlagen baſirt, centrirt und gipfelt darum in der Religion; wenn die Pflicht der All⸗ ſeitigkeit bei der Jugendbildung ſich irgendwo konzentrirt, ſo muß es im Religionsunterrichte ſein. Es würde daher ein durchaus unpſychologiſches ſeelenwidriges Verfahren eines Religions⸗ lehres ſein, wenn er ſeinen Religionsunterricht ſo einrichten wollte, daß er mittelſt deſſelben etwa nur eine einzige ſeeliſche Hauptkraft des Kindes, oder gar nur eine einzelne Theilkraft, z. B. das Begriffsvermögen, oder das Gedächtniß, oder die Einbildungskraft allein, in Anſpruch nähme und in den Dienſt Gottes hineinzuziehen ſuchte. Einſeitige, krankhafte, krüppelhafte Afterbildung wäre das, gradezu ſündlicher Verrath an der pſychiſchen Menſchennatur von den traurigſten Folgen. Eine geſunde, gründliche und feſte religiöſe Characterbildung würde auf dieſe Weiſe nie bei einem Schüler erzielt, ein chriſtliches Chriſtenthum nie erreicht werden. Einſeitige Parteiſucht, früchteloſes religiöſes Meinen, Disputiren und Hadern, zweifelvolles Wanken und Schwanken, todter Glaube in gewohnheitsmäßigem Ceremonienwerk, blinde religiöſe Gefühlsſchwelgerei, Schwärmerei und religionzerſtörender ſektireriſcher Fanatismus, oder gänzliches Wegwerfen der Religion und Hinabſinken in thieriſche Irreligioſität würden unausbleiblich je nach den Umſtänden die Folgen davon ſein. Das ſind die entſetzlichen Gift⸗ früchte, lieber Lehrer, die dir über deinem Grabe aufſprießen aus deinem einſeitig ertheilten Religionsunterrichte. O darum nimm all' deine Kraft und Bildung im Religionsunterrichte zuſammen! Beſchäftige Gefühl, Verſtand und Willen deiner Kinder gleichmäßig in Deinen Religionsſtunden; erzeuge Gottesgefühle, Gottesüberzeugungen und Gottesbeſtrebungen gleicher⸗ weiſe in den dir anvertrauten Kindern; entwickele religiöſe Begriffe, Urtheile und Schlüſſe, aber laſſe auch ſingen und beten in feierlicher Andacht und biete ſeeligen Genuß im unmittel⸗ baren Anſchauen der reichen Gnade Gottes! Jede, jede Kraft, die verliehen iſt, ſoll bei dem nun einmal ganz religiös conſtituirten Menſchen in den Dienſt Gottes hinaufgehoben werden. Nirgends ſchlägt die einſeitige halbe Bildung eines Menſchen ſchrecklicher in das Gegentheil des eigentlich geſteckten Zieles um, als auf dem Gebiete der Religion. Schon allein aus rein pſychologiſchen Gründen konzentrirt ſich die Pflichtforderung pädagogiſcher Allſeitigkeit im Religionsunterrichte. Indeſſen auch aus theologiſchen.

II.

Grund und lebengebender Einheitsquell der chriſtlichen Kirche iſt der Glaube, der chriſtliche Glaube, deſſen Anfänger und Vollender Ehriſtus der Herr iſt. Spaltungen ſollten daher im Reiche Jeſu nicht herrſchen, weil der chriſtliche Glaube nur einer iſt und nur einer ſein kann. Dennoch aber iſt leider grade der Glaube der ärgſte Zwieſpaltsquell und Zankapfel in der Chriſtenheit geworden. Wenn man das Heer der Glaubensfehden, der Glaubenskriege, der Glaubensſpaltungen und Glaubensparteien anſieht, deren jedwede die rechtgläubige und darum allein zur Seeligkeit berufene zu ſein behauptet; wahrhaftig dann bekommt man ſeine ganz eigenen Gedanken, ja(wenns möglich wäre) Gedanken des ausſchreitendſten Liberalismus.