Aufsatz 
Die Pflichtforderung pädagogischer Allseitigkeit konzentriert sich im Religionsunterrichte
Entstehung
Einzelbild herunterladen

2

erlegten Naturproceſſes zu ängſtigen. Da aber bereits die Jugendbildung beſonders mächtig von jenem religiöſen Extravagiren ergriffen, ja förmlich dadurch zerſpalten iſt, und da ſich über⸗ haupt dermalen nicht beſonders viele Jugendbildner vorfinden, welche die Kraft, den Muth und das Geſchick haben, in das Kreuzfeuer zu treten, ſich für geſinnungslos verſchreien zu laſſen und mit ſtiller Ruhe auf ſonniger Höhe über den Parteien zu verbleiben, ſo erſcheint es doppelt ge⸗ rathen, Namens der chriſtlichen Katechetik einem pädagogiſchen Standpunkte das Wort zu reden, welcher durch die ſteigende Wirrniß der Zeit mit furchtbar drängendem Ernſte gefordert wird, nämlich dem Standpunkte poſitiver, aber vorurtheilsfreier Allſeitigkeit. Es iſt keines der geringeren Verdienſte eines Spener und Peſtalozzi, daß ſie von dieſem geſunden Stand⸗ punkte aus, jeder in ſeiner Weiſe, der Jugendbildung die heilſame Bahn gewieſen haben, wie ſehr ſie auch mit ihren ächten Geſinnungsgenoſſen unter den Kämpfen des ſtreitſüchtigen Zeitge⸗ ſchlechtes Märtyrer geworden ſind. Ihre Bahn zu gehen beſtrebe ich mich nach dem Maße der mir verliehenen Kraft; deßwegen denn auch nun ein Wort über das bereits ſchon angegebene Thema, womit ich mich aus vielerlei guten Gründen lediglich auf das Gebiet des Religions⸗ unterrichtes beſchränke, welches indeß ſicher und gewiß, ſo wahr Gott lebt und nicht ſtirbt, die Seele der Volkslehrerthätigkeit bleiben wird.

Auseinanderzulegen will ich verſuchen: Daß ſich die Pflichtforderung pädago⸗ giſcher Allſeitigkeit im Religionsunterrichte konzentrirt.

Die pädagogiſche Allſeitigkeit iſt im Religiosunterrichte am ſtrengſten gefordert aus pſy⸗ chologiſchen, theologiſchen, pädagogiſchen und didaktiſchen Gründen; in einen pſychologiſchen, theologiſchen, pädagogiſchen und didaktiſchen Theil zerfällt ſomit meine kleine

Abhandlung. J.

Pädagogiſche Allſeitigkeit, d. h. das Beſtreben, alle, ausnahmslos alle, von Natur in einem menſchlichen Individuum liegenden ächt menſchlichen(das Weſen des gott⸗ geſchaffenen Menſchen ausmachenden) Keime, Anlagen und Kräfte während des jugendlichen, ſchulpflichtigen Alters zur möglichſten Selbſtentfaltung zu bringen, dieſe pädagogiſche Allſei⸗ tigkeit iſt in der Gegenwart ſo ſehr eine allgemeine Errungenſchaft der pädagogiſchen Wiſſen⸗ ſchaft geworden, daß ſie ziemlich unbeſtritten von den meiſten und beſonnenſten Theoretikern geradezu als das Grundprinzip der Pädagogik ſelbſt aufgeſtellt wird. Wie dieſes Prinzip an und für ſich ſchon pſychologiſcher Natur iſt, ſo iſt es auch ſchon aus rein pſychologiſchen Gründen im Religionsunterrichte der Jugend allermeiſt feſtzuhalten und konſequent durchzu⸗ führen.

Man mag die menſchliche Pſyche, dieſe überleibliche Potenz im Menſchen, Seele genannt, zerlegen, wie man will, die Pſychologie wird in der menſchlichen Seele, gemäß deren Lebens⸗ äußerungen, niemals andere ſ. g. Grundkräfte auffinden und unterſcheiden können, als die drei des Fühlens, Denkens und Wollens, oder des Empfindens, Erkennens und Strebens. Das Gefühls⸗ oder Empfindungs⸗Vermögen, das Denk⸗ oder Erkenntniß⸗Vermögen, das Willens⸗ oder Beſtrebungs⸗Vermögen ſind indeſſen, genau unterſucht, nichts weiter, als die drei naturge⸗