Abhandlung Seminarprogramm 1865— 66
vom
Seminardirector Lex zu Ufingen.
Die Pſlichtforderung pädagagiſcher Allſeitigkeit konzentrirt ſich im Religionsunterrichte.
Aaum iſt auf einem Gebiete der volksſchulkundlichen Pädagogik in den letzten Jahr⸗ zehnten die Literatur reichlicher gefloſſen, als auf dem religiöſen; kaum ſind— trotz der herr⸗ ſchenden ſ. g. realiſtiſchen Richtung— auf irgend einem Gebiete fortwährend mannigfaltigere Hülfsmittel aller Gattungen und jeder Stufe dargereicht, aber auch auseinandergehendere Grund⸗ anſichten vorgebracht und widerſtreitendere Methoden für gut befunden worden, als gerade auf ihm. In der That, ein wahrhaft abgedroſchenes Feld iſt dermalen das religiös⸗didaktiſche. Wenn ich nichtsdeſtoweniger eben dieſes Feld beſchreite, ſo leitet mich dabei durchaus nicht der Trieb, Neues zu ſagen, auch nicht die Manier, Altes nachzuſprechen, ſondern lediglich der Drang, Unbeachtetes einzuſchärfen, ſowie der Wunſch, Einſeitigkeiten zu begegnen, Gegenſätze auszugleichen und zur Friedensſtiftung wo möglich ein Scherflein beizutragen.
Allerdings alſo vom Religionsunterrichte gedenke ich zu ſprechen, doch— wohl ge⸗ merkt!— nach Kraft und Vermögen ſo, wie ein Schriftgelehrter, zum Himmelreiche gelehrt, welcher Altes und Neues aus ſeinem Schatze hervorholt.
Die Pflichtforderung pädagogiſcher Allſeitigkeit konzentrirt ſich im Religionsunterrichte; darüber erlaube man mir in dieſer vaterländiſchen Jahresſchrift einige Worte der Wiſſenſchaft und der Erfahrung. Ob die Worte zeitgemäß ſeien, gebe ich von vornherein dem Urtheile des denkenden Leſers anheim.
In einer Zeit des Strebens nach allgemeiner Wiſſenſchaftspopulariſirung und der ſchlim⸗ men Sucht, alle ſonſt unterſchieden geweſenen Stände ſammt ihren Wiſſensgebieten auf gleiche Ebene zu legen, in dieſer kritiſchen Durchgangsepoche, wo gerade deßhalb politiſch und national⸗ ökonomiſch Alles Partei iſt, kann es nicht auffallen, daß auch das religiöſe reſp. kirchliche Leben in maßloſen Extravaganzen hinüber und herüber geht. Geſchähe das einzig nur in den Grenzen der Wiſſenſchaft, dann hätte man wohl kaum Urſache, ſich über Gefahren dieſes der Welt auf⸗
1


