Aufsatz 
Die wichtige Pflicht der Lehrer, den Gefahren des Formalismus mit aller Sorgsamkeit zu begegnen
Entstehung
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durch hier und dort eingefügte pſychologiſche, moraliſche und äſthetiſche Lehren oder Unterwei⸗ ſungen. Eben ſo klar iſt es, daß die Realien in der Elementarſchule durch Naturkunde und Erdkunde, die Formalien durch Mathematik und Sprache vertreten ſind und ſein müſſen; wozu der fruchtreiche ſ. g. Anſchauungsunterricht auf der unterſten Stufe die heilſame Baſis abgibt. Die noch erübrigenden etwaigen Unterrichtsgegenſtände, wie z. B. Geſchichtliches, ſind gemiſch ter Art, und die noch zu nennenden artiſtiſchen oder techniſchen Unterweiſungsgegenſtände, als Schreiben, Singen, Zeichnen, Turnen, induſtrielle Handarbeiten, dienen ebenſo ſehr einem realen und praktiſchen Zwecke, als ſie die ideale Bildung(äſthetiſches Gefühl, Schönheitsſinn) ſollen vollenden helfen. Da die formale, den Gemüthsmenſchen am wenigſten anfaſſende, ja ſogar ihn in den Hintergrund drängende, Denk⸗ und Sprachbildung als der univerſelle Hebel zu jeder anderweitigen Ausbildung und zugleich als die ſchwierigſte bei weitem die meiſte Arbeit Seitens des Lehrers und des Schülers erheiſcht, ſo ergibt ſich daraus, daß ihm verhältniß mäßig die meiſten Lehrſtunden gewidmet ſein müſſen. Grade eben darin aber liegt ſchon die große Gefahr, dieſem formell bildenden Unterrichte ein Regiment und eine ungebührende cen trale Präponderanz auf Koſten der harmoniſchen Menſchenbildung ſchon in der Elementarſchule einzuräumen. Dagegen iſt aber mit aller Sorgfalt und mit aller Macht anzukämpfen! Der Kampf wird, was den Lehrplan anbelangt, nicht anders ſiegreich zu führen ſein, als wenn man unter Beſchränkung des anderweiten formalen, insbeſondere des mathematiſchen Lehrſtoffes auf das Nothwendige, neben herzlicher, gemüthlicher und tüchtiger Betreibung der Idealien, ebenfalls tüchtig und nicht nebenbei und nicht blos gelegentlich auch die Realien betreibt. Die Naturkunde beſonders iſt, nach der gewichtigen und nachhaltigen Waffe der religiöſen Unter⸗ weiſung, das heilſame ſchwere Geſchütz gegen den inhaltloſen verderblichen Formalismus. Auch würden ein mit Intereſſe gehandhabter Geſangunterricht, eine mit Gefühl betriebene Einführung in das Gebiet der Dichtung und ein äſthetiſch gehaltenes Freihandzeichnen von Früheſtem an(wozu immerdar und überall bei gehöriger Eintheilung und weislicher Combina⸗ tion die Zeit erübrigt) ſtets das Ihre dazu beitragen, den ſich einſchleichen wollenden Forma lismus zu verhüten oder zu verjagen. Unter gefliſſentlicher, gewiſſenhafter und conſequenter Geltendmachung dieſer Grundſätze und dieſes Lehrplanes werden die Kinder nicht immer mit Vorliebe in das, das Gefühl und die ſittliche Thatkraft lähmende, formale Denken hineinge rathen, werden ſich nicht daran gewöhnen, ſtets nur mit Formalbegriffen zu arbeiten, werden vielmehr gleichgern und gleichgewandt auch mit Materialbegriffen und mit handgreiflichen Rea⸗ litäten ſelbſt, am allerliebſten aber mit begeiſternden Idealbegriffen und mit den geiſtlichen Realitäten ſelbſt, mit Gott umgehen, mit dem Geiſte und mit den Ideen freudigſt ſich befaſſen und beſchäftigen. 3

Von gleichwirkſamer Hülfe zu dieſem Ziele iſt(neben dem Lehrſtoffe und ſeiner Verthei lung) endlich auch die Lehr⸗Methode, nämlich die Vermeidung aller formaliſtiſchen Einſeitigkeit bei derſelben; alſo das gewiſſenhafte Beobachten einer harmoniſchen Allſeitigkeit in der Lehrmethode.

Bekanntlich iſt es das beim Unterrichten gleich nothwendige Mittheilen und Entwickeln, worauf ſich der Grundunterſchied aller Lehrmethoden gründet. Die Spitze der mittheilenden Lehrmethode iſt(wie bekannt) der akroamatiſche Vortrag; die Spitze der entwickelnden Lehrmethode, welche durch Fragen und Antwortenlaſſen die Kinder in den Denkprozeß des Be greifens, Urtheilens und Schließens hineinnöthigt, iſt das Sokratiſiren. Es liegt auf der Hand, daß vorzugsweiſe bei Anwendung der entwickelnden oder katechetiſchen Unterrichts⸗

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