Aufsatz 
Die wichtige Pflicht der Lehrer, den Gefahren des Formalismus mit aller Sorgsamkeit zu begegnen
Entstehung
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loſen Wüſte Sahara hineingeſchickten Zöglingslebens! Schulmann! Schulmann! O be⸗ denke, was du zu verantworten haſt!

Doch was hilft das ſcharfe Aufdecken, das Klagen und Warnen, wenn nicht die Mittel und Wege der Heilung gewieſen werden?

III.

Wie iſt der Formalismus zu bekämpfen und zu vermeiden?

Das iſt die dritte und letzte Frage, die ich zur vollen Erſchöpfung meines Themas nun noch zu beantworten hätte.

Wo es ſich um Radicalheilung eines Zeitübels auf dem Gebiete des geiſtigen Lebens handelt, da iſt wohl füglich von den erwachſenen gemachten Leuten abzuſehen, da muß vor⸗ zugsweiſe auf das heranwachſende Geſchlecht das Augenmerk gerichtet werden. Auch die Hei lung des Formalismus ſteht am gründlichſten von der Jugendbildung her zu erwarten. Die Schule, wenn ſchon dieſe bei weitem nicht der einzige Factor oder Hebel der geſammten Volks bildung iſt, insbeſondere die Elementarſchule unter treuem, naturgemäßem Anſchluß an die Kirche, ihre Mutter muß dieſe Samariterarbeit vorzugsweiſe unternehmen; wie wenig auch die derzeitigen Lehrer noch die vollen Früchte erleben werden. Und welches ſind denn die in dicirten Arzneien, welche hier dem Lehrer zu Gebote ſtehen? Nun, wennBeiſpiel bei weitem das oberſte Erziehungs⸗ und Bildungsmittel iſt, ſo wird das Exempel eines reel len, eben ſo nüchtern⸗ungekünſtelten und praktiſchen, als gefühlvollen und geiſtig⸗idealen Lebens von Seiten des Lehrers vor allen Dingen hier zu nennen ſein.

Hundertmal mehr und eher, als der Lehrſtoff durchs Wort des Lehrers in die Kinder gründlich übergeht, zieht der Geiſt des Lehrers, wie er ſich in Ton, Miene, Gebärde, Haltung, Manier, Redeweiſe und Handlung deſſelben kundgibt, in die Kinder ein. Gefühl zündet und weckt Gefühl, Gemüth erzeugt Gemüthlichkeit, ideelles Intereſſe macht intereſſevoll für ideelle Dinge, ſtets praktiſche Richtung des lehrenden Meiſters macht auch die Lehrlinge praktiſch. Zeigſt du alſo deinen Kindern ſtets ein ſolides reelles Weſen, das ſich nie mit den bloßen For men und täuſchungsvollen abſtracten Theorieen begnügt, das auch niemals die formelle Denk tüchtigkeit am Schüler vorzugsweiſe lobt, noch nach dieſer allein die Zöglinge gegen einander abwägt und rangirt; dann geht derſelbe reelle ſolide Sinn auch auf deine kleinen Nachahmer über, und das Hängen an den eitlen Formen, der Formalismus bleibt ihnen ferne, wird ihnen ſogar als etwas Widernatürliches, Unvernünftiges und Ungehöriges von ſelbſt zu⸗ wider. Bleibſt du immer in deinem Weſen und Reden natürlich, gradaus und ungekünſtelt (wobei Gemeſſenheit und Würde gar nicht Noth zu leiden brauchen), dann bleibens und wer⸗ dens gleichſo auch deine Kinder. Zeigſt du dich nie in der Form erkältet und erſtarrt, ſondern immer frei im Geiſte und gefühlvoll in deinem Reden und Thun, in deinem Lehren und Er ziehen, in deinem Lohnen und Strafen, Warnen und Ermahnen, zeigſt du dich gefühlvoll gegen über den verſchiedenen Wundern der Natur und den mannichfaltigen Ereigniſſen des Menſchen lebens, gegenüber der Sünde und der Tugend, vor Gott und den Menſchen; ſei verſichert, dieſe wohlthuende Wahrnehmung zündet alsdann auch in deinen hellblickenden, von Natur noch zartherzigen Kindern, auch ſie werden gefühlvoll, lernen richtig fühlen, gewöhnen ſich, ihrer

edleren Gefühle nie und nirgends ſich zu ſchämen, fordern vielmehr ſelbſt hinfort Gefühl und 2