Aufsatz 
Die wichtige Pflicht der Lehrer, den Gefahren des Formalismus mit aller Sorgsamkeit zu begegnen
Entstehung
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und ein kritiſirender Ton, der nichts und niemanden mehr unangetaſtet läßt, der Alles mit kalter Rückſichtsloſigkeit unter die Scheere nimmt, Alles prinziplos bekrittelt, tadelt und ver⸗ urtheilt, Menſchen, Menſchenwerke, Vorgeſetzte, Regierungen, Regierungsmaximen, Regenten, Religion, heilige Schrift, ja Gott ſelbſt. Ein anmaßungsvoller, unter dem Drucke des aufge⸗ nommenen Formelweſens geborener, blinder Hohn über Alles, ſelbſt über das Ehrfurchtgebie⸗ tende und Heilige, zieht ſich durch das ganze Leben eines ſolchen; und damit bemächtigt ſich ſeiner in unheilbarer Weiſe die unſeelige widrige Methode des Alleswiſſens, des Allesbeſſer⸗ verſtehenwollens und einer dummdreiſten Selbſtherrlichkeit, welche der Tod alles edleren Stre⸗ bens, alles Chriſtenthumes zumal, alles Glaubens und aller Liebe iſt. Wehe, wehe der Men⸗ ſchenſchichte, wo dieſes Gebahren gäng und gebe geworden iſt! Ach, es iſt der bitterböſe Alp, der heute auf unſern Geſellſchaftsverhältniſſen laſtet und alle Ordnungen des Lebens ſchon ſeit gerau⸗ mer Zeit in Frage ſtellt!(Ev. Matth. 24, 12.) Ein räſonnirendes, kritiſirendes, ungefügiges, empö⸗ rungsſüchties, revolutionäres Geſchlecht iſt zum nicht geringen Theile an den Tigerbrüſten des katzenäugigen Formalismus aufgewachſen. Die klüglich berechnende Pfiffigkeit des formaliſtiſchen Zeit⸗ geſchlechts geht unaufhaltſam zu einer entſchiedenen Unſittlichkeit, Unzuverläſſigkeit und Gewiſſenloſig⸗ keit fort, zu einem boshaften Wegleugnen aller heiligen Prinzipien, zum Mißachten und Verhöhnen jedes herkömmlichen ſittlichen Grundſatzes, endlich zum frecheſten Leugnen Gottes ſelbſt. Des ausge machten Formaliſten Moral iſt am Ende thatſächlich nur mehr eine ganz gemeine Klugheit und Ka⸗ ſuiſtik des Egoismus; Pietät, Selbſtverleugnung, Humanität, Glaube ꝛc. ſind ihm Dummheit und abergläubiſche, veraltete Thorheit, die den Geſetzen einer conſequenten Logik zuwider⸗ laufen. Formulirtes, in ſeinen Anfängen oft ſteifes und pedantiſches Weſen, nicht ſelten auch eine dem Anſcheine nach weislich bemeſſene Rückhaltigkeit im geſelligen Umgange, untermiſcht mit einer Redſeligkeit, die Alles ſagt, nur das Wahre nicht, characteriſiren gar häufig ſolche dem Formalismus verfallende Naturen. Damit iſt aber der Anfang vom Ende ſchon gegeben. Denn grade eben die formelle klügliche Berechnung und der perſönliche Vortheil erheiſchen es in der Welt nur gar zu oft, daß man jenen wenigen Ruinen aus der alten guten Zeit doch noch ein Bißchen Rechnung trage und den geringen Ueberbleibſeln alten Glaubens und alter Tugend gegenüber doch noch ein klein wenig Gewiſſenhaftigkeit, Tugend und Glauben zum Scheine darſtelle; ſo wird dann ſtracks die Heuchelei, die Gleisnerei, nach Umſtänden auch die Scheinheiligkeit und vielgeſtaltige Frömmelei gefliſſentlich als Kunſt erwählt! Darin, in dieſem betrübten Lebenskunſtwerke, ſteigt dann die formaliſtiſche Verirrung auf ihren höchſten Gipfel; die Verzerrung der menſchlichen Geiſtigkeit oder Freiheit ſinkt aber auch damit bis zu ihrem niedrigſten und verächtlichſten Grade herab; die Verderbniß des menſchlichen Characters gelangt damit zu ihrer entſetzlichen, Alles zur Fäulniß jagenden Vollendung; und das iſt die letzte Frucht, das iſt die Gefahr des Formalismus! Man blicke in die Welt ringsumher, man leſe nur eine einzige Woche lang irgend eines der curſirenden Tagesblätter, man verſetze ſich beob⸗ achtend in unſere Geſellſchaftskreiſe, auf unſere Märkte, in unſere Gerichtsſtuben, ſogar in unſere häuslichen Familienkreiſe vor und nach Eintritt eines Fremden ꝛc. ꝛc., und alsdann urtheile man, ob ich falſch ſage oder übertreibe! Rechnen, nichts als Rechnen und Formuli⸗ ren, Berechnen, Klügeln, Zweifeln, Leugnen, Höhnen, Lügen, Theaterſpielen, Erkünſteln, Heh⸗ len, Heucheln, das iſt der ſchauervolle Fortſchritt eines formaliſtiſch ſich geſtaltenden Men⸗ ſchenlebens! Das iſt das Jammer⸗Reſultat eines durch Rechnen, Analyſiren, Abſtrahiren, Ka⸗ techiſiren, Sokratiſiren, Kritiſiren, Grammatiſiren, Schematiſiren, Disponiren und Dividiren vom grünen friſchen Lebenswege ſeitab in die öden Sandgänge der kahlen phantaſie⸗ und ideen⸗