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eingehauchte, mir lebendig inwohnende weſenhafte Wahrheitsprincip unter den Scheffel, dann leugne ich die meinem Schöpfer intellectuell mich ähnlich machende Idee der Wahrheit oder das intellectuelle Gewiſſen, den intellectuellen Wahrheitsdrang in mir. Damit beraube ich mich aber ſelbſt alles tieferen Wahrheitsbedürfniſſes und jeder tieferen Wahrheitsbeurtheilung, dringe nirgends zu dem tieferen Weſen der Dinge, nirgends zu ihrem tieferen Urſprunge, ihrer wahren Bedeutung und ihrem wahren gegenſeitigen Zuſammenhange im geordneten Univerſum Gottes. Ich bleibe eben nur bei den Oberflächen, bei den Formen und formalen Begriffsverhältniſſen der Dinge hängen und begnüge mich mit dieſen nahrungsloſen blähenden Schalen, die ich für die nähren ſollende Wahrheit ſelbſt halte. Das heilige(urweſentliche) Reich der Idealien, der geiſtlichen Realitäten in der Welt, in der Menſchenbruſt und im Himmelreiche, das Reich dieſer ewigen ſchaffenden Lebensprincipien bleibt mir ſomit verſchloſſen oder verſchließt ſich mir immer mehr, ſodaß ich höchſtens noch(um meines unverwüſtlichen Vernunfttriebes willen) mit einigen bis zu den abſtracteſten, allgemeinſten Kategorien verflachten Idealbegriffen eines Himmels, einer Gottheit, einer Tugend und einer Unſterblichkeit mich je zuweilen befaſſe, unterdeß die Ver⸗ ödung meiner Seele ſtets zunimmt. Die Bibel, das Buch des ideellen Realismus, des gött⸗ lichen geiſtlichen Lebens in ſeiner realſten Concretheit, wird mir dabei immer unverſtändlicher, unzuſagender und unbequemer, ſodaß ich am Ende unter Vergötterung meines formalen Ver⸗ ſtandes aller idealen Erkenntniß, aller Idealbegriffe und alles geiſtlichen Denkens, alles geiſt— lichen Empfindens und alles geiſtlichen Strebens gänzlich baar werde. Alsdann iſt mein Wiſſen bei der weiteſten Ausdehnung doch nichts mehr, als eine die Oberflächen des Daſeins kümmer⸗ lich kopirende Fachtabelle ohne Schmelz und Leben, eine todte Wiſſensmaſſe ohne Kraft und Saft, ohne ſegnenden Einfluß auf Herz und Leben.— Lehrer des Volkes! Schwächet nur bei den euch anbefohlenen Kindern deren Geiſtesbewußtſein formaliſtiſch ab bis zum Glauben an das ihrem Verſtande inwohnende logiſche Denkgeſetz, lehrt ſie nur vom Bewußtſein ihres reellen göttlichen Ebenbildes abſtrahiren und das Bewußtſein ihres rechnenden Verſtandes an deſſen Stelle ſetzen, ſo oft ſie das Wort„Geiſt“ vernehmen, gewöhnt ſie nur, den lieben Gott, den perſönlichen Vater unſeres Herrn Jeſu Chriſti als ein ſtarres Conglomerat von menſchlichen Kräften und Eigenſchaften in höchſter Potenz ſich zu denken, bei welchem jedes Gebet und jede Fürbitte ewig überflüſſig ſind, katechiſirt und ſokratiſirt mit ihnen nur ſtets ſo haarſcharf und denkrichtig, daß ihnen vor Feinheit und Correctheit der Begriffe Hören und Sehen vergeht, zerrechnet ihnen alle bibliſchen Heilshiſtorien bis zur nackten Klarheit;— wahrhaftig, ihr er⸗ werbet euch als Pädagogen kein löbliches Verdienſt um ſie, nein, nur das traurige Verdienſt, für ideelles Denken, Fühlen und Wollen, insbeſondere für evangeliſche Erkenntniß ſie vollends unfähig, dagegen zum allereinſeitigſten und flacheſten Wiſſen ſie gebracht, um die Wahrheit aber ſie betrogen zu haben!!
Was indeſſen damit ganz natürlich und eng zuſammenhängt und endlich noch das Aller⸗ meiſte ſagen will,— des Formalismus unausbleibliche ſchrecklichſte Folge iſt eine völlige Verderbniß des Characters. Wie unter ſeinem Einfluſſe alle theoretiſche Erkenntniß und Lehre zur Caricatur der Wahrheit, zu einem ſeichten Rationalismus und atheiſtiſchen Ma⸗ terialismus wird, ſo ſinkt alles Sinnen, Streben und Handeln des Formaliſten endlich zur Stufe der gemeinſten Klüglichkeit und der niedrigſten Pfiffigkeit herab. Denn bei der herr⸗ ſchend gewordenen Neigung des Verſtandes, gefühl⸗ und theilnahmlos Alles nur formell zu be⸗ trachten und zu beurtheilen, erzeugt ſich in dem calculirenden Formaliſten ein kritiſcher Sinn


