Aufsatz 
Die wichtige Pflicht der Lehrer, den Gefahren des Formalismus mit aller Sorgsamkeit zu begegnen
Entstehung
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finden, mittelſt der rein formalen Denkthätigkeit Urtheile und Schlüſſe daraus eonſtruiren, ohne Sachintereſſe religiöſe Sätze und Perioden zurechtbringen ꝛc. ꝛc., treibt alſo in der dem Ge⸗ müths⸗ und Willens⸗Menſchen zugleich gewidmeten hochwichtigen Stunde, wo chriſtlicher Sinn und chriſtliches Leben geweckt werden ſollen, logiſche Denkübungen und Grammatik; in der That ein Schachſpiel auf quadrirter Ebene, ein Zeichnen ohne äſthetiſchen Schwung nach dem Netze! Solcher Maßen geſtaltet ſich der Unterricht in der Bibliſchen Geſchichte faſt einzig nur zum Zueignen eines ſtereotypen Gedächtnißbeſitzes und einer ſprachrichtigen Wiedergebungsfähigkeit. Der Katechismusunterricht wird zu einer blos grammatiſchen Analyſe und Syntheſe mittelſt herzloſen Fragens und Antwortforderns, wobei die Weſensfragen, die Lebensfragen, die Ge⸗ müths⸗ und Bekenntnißfragen die untergeordnetſte Rolle ſpielen. Bei der Allgegenwart Gottes z. B. werden die ſprachlich-etymologiſchen Fragen auf's eifrigſte durchgefragt, dieFlügel der Morgenröthe, dasfinſtere Thal werden gründlichſt aufgeklärt; aber, von welcher Geſinnung David bei jenen Sprüchen durchdrungen war, durch wen und durch was man ſich im Glauben an Gottes Allgegenwart nicht ſoll irre machen laſſen, an dieſe und ähnliche Fragen wird nicht gedacht. Der Leſeunterricht wird vom formaliſtiſchen Lehrer durchweg höchſt hölzern und pedantiſch betrieben. Das mechaniſche und höchſtens noch das formell⸗logiſche Leſen wird geübt, das gemüthliche und äſthetiſche, das eigentlich natürliche Leſen wird, weil es dieſer Lehrer ſelbſt nicht hat, überſehen. Poeſieen und Lieder werden bei Gelegenheit in die kühlſte und nackteſte Proſa verdünnt, für Gefühl und Einbildungskraft des Kindes werden ſie nicht ausgebeutet. Der Formalismus des Lehrers bei den ſtyliſtiſchen Uebungen in den Aufſatzſtunden gibt ſich durch die ausſchließliche Betonung der Orthographie, der Wortbeugung und Satzbildung, ſowie andrer Seits durch die leichtfertigſte, oberflächlichſte Behandlung, ja gänzliche Vernachläſſigung der das Gemüth berührenden äſthetiſchen Styliſtik kund. Der naturkundliche und geographiſche Unterricht ſoll gleichfalls vorzugsweiſe als formales Bildungsmittel figuriren, und ſo wird er faſt nur zur Gedächtniß⸗, Denk⸗ und Sprachübung benutzt, ähnlich wie etwa geographiſche nnd naturkundliche Stylſtücke bei Leſe- und Orthographieübungen. Ein dürres Gerippe der Natur und Erdoberfläche iſt das farbloſe Bild im Gehirne des formaliſtiſch unterwieſenen Schülers aus dieſen Unterrichtszweigen. Die falſch verſtandene Concentration des Lehrſtoffes reicht hierzu mitunter einen erwünſchten Anlaß her. Die eigentlichen Lehrgegenſtände der formalen Bildung, Mathematik und Grammatik, die Lebenselemente des formaliſtiſchen Lehrers, in denen er vor der ſtaunenden Zuhörerſchaft auf öffentlichen Prüfungen die Glanzpunkte ſeines ſchulmeiſter⸗ lichen Ruhmes entfaltet, werden grade da, wo ſie recht in's praktiſche Leben hineingreifend ge⸗ lehrt werden ſollen, erſt recht unpraktiſch betrieben und ſchlagen in eine arge Zeitverſchwendung um. Ich erinnere nur an die mitunter übertriebene Künſtelei der heutigen Satzlehre, an das jetzt hin und wieder bis zum Uebermaß beliebte Quittungen⸗, Contract⸗, Revers-, Bericht⸗ ꝛc. Schreibenlaſſen und an die allbekannten Rechenexempel voller Brüche und Bruchsbrüche aus der ſ. g. bürgerlichen Rechenkunſt, aus der Theilungs⸗ und Miſchungsrechnung, wie ſie der Tag kaum je für den Bürger mit ſich bringt. Was endlich die bei verſchiedenen Gelegenheiten auszuſtreuenden Kenntniſſe vom wichtigſten Erdengeſchöpfe Gottes, vom Menſchen und ſeiner Seele anbelangt, ſo trägt ſich der formaliſtiſche Lehrer mit einer Anthropologie und insbeſondere Pſychologie, welche(einigen um⸗ laufenden Büchern gemäß) vom Mechanismus einer complicirten Mühlenmaſchinerie abſtrahirt worden zu ſein ſcheint, während ſie doch füglich aus der organiſch-⸗einheitlichen Tiefe des durch die Erfahrung gekräftigten und durch die Offenbarung geläuterten Selbſtbewußtſeins entnommen ſein ſollte, auf daß ſie der wirklichen Erfahrung beſſer entſpräche und der Aufhilfe unſeres