Aufsatz 
Die wichtige Pflicht der Lehrer, den Gefahren des Formalismus mit aller Sorgsamkeit zu begegnen
Entstehung
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Anſchauungsweiſe, welche ihr Augenmerk vorzugsweiſe nur auf Namen, Namenabſtammung, Namenveränderungen, Begriffsumfänge, Zahl, Maß, Geldeswerth, Zeitverhältniſſe, räumliche Geſtalt ꝛc. der Gegenſtände richtet, wobei denn natürlich das tiefere Intereſſe für dieſelben zu kurz kommt. Der ganze Denk⸗ und Erkenntnißprozeß des Formaliſten verläuft faſt ausſchlie⸗ ßend nur in einem Begreifen, Urtheilen und Schließen nach ganz nackten, abſtracten Begriffs⸗ und Verhältnißformen, wobei der Kern der Sachen faſt unberührt und ungewürdiget bleibt. Seine Naturkenntniß iſt eine nackte, mikroskopiſch farblos gewordene Dispoſitionstabelle; ſeine Geſchichtskenntniß iſt eine öde lebloſe Nomenclatur und Chronologie; ſeine Geographie ein elen des Syſtem von Zahlen, Winkeln und Figuren, eine Berg-, Flüſſe⸗, Länder⸗ und Städte⸗Arith⸗ metik und Geometrie; gemäß ſeiner mathematiſch⸗formaliſtiſchen Pſychologie, d. h. Seelenkräfte⸗ Erkenntniß, iſt ſeine Politik ein armſeliges Rechenexempel mit Körpern und Kräften; ſeine Religionserkenntniß eine Maſchinerie von hohlen Begriffen eine idealiſtiſche Grammatik; ſeine Sittenlehre eine pure Mathematik, ein Kalkül.

Beſonders iſt es das verflüchtigende Auflöſen aller Dinge in ihre nackteſten und allge⸗ meinſten Begriffe, was den Formaliſten charakteriſirt, ſodaß ſein ganzes Wiſſen in faſt nichts Anderem, als einem ſkelettartigen Begriffsgerüſte oder Categorienſyſtem beſteht. Die reinen, exacten Wiſſenſchaften der Form ſind die Mathematik, die Logik und die Grammatik; die Wiſ⸗ ſenſchaften von den puren Zahl- und Raum-, Denk- und Sprach⸗Formen. In dieſen findet darum der Formaliſt vorzugsweiſe ſeine Lieblingsnahrung, und bei der einſeitigen, ausſchließ⸗ lichen Anwendung ihrer Normen auf ſein ganzes Denken, gewöhnt er ſich endlich, Alles nur arithmethiſch, geometriſch, logiſch und grammatiſch zu betrachten, in der täuſchungsvollen Mei⸗ nung, es nun zu haben und zu verſtehen. Wie dieſe Weiſe auf einer, unzähligen Menſchen ſchon von Geburt anklebenden, einſeitigen Verſtandesneigung beruht, wie ſie insbeſondere auf Grund der herrſchend gewordenen und einſeitig ausgeſponnenen Kantiſchen Philoſophie ſeit Ende des vorigen Jahrhunderts in Deutſchland reißend um ſich gegriffen hat, trotzdem, daß namhafte Philoſophen bis auf den heutigen Tag warnend dagegen auftraten, das zu erörtern und nach⸗ zuweiſen, würde mich hier zu weit führen. Dies aber ſoll hier nur noch angezogen werden, daß die in Rede ſtehende formaliſtiſche Richtung, nachdem ſie unter den ſogenannten Literaten oder Wiſſenſchaftlichen(von den Praktikern mit dem SpottnamenDoktrinärs bezeichnet) herr⸗ ſchend geworden war, ſich mit einer unaufhaltſamen Allgewalt der Jugendlehrer, insbeſondere auch der Elementarlehrer bemächtigte, wodurch denn mit Schnelligkeit der Formalismus bis in die unterſten Schichten des Volkes gedrungen und das traurige, trügeriſche Beſitzthum des deutſchen Volkes geworden iſt; ſodaß, ihn zu überwinden und zu beſeitigen, es noch ungeheure Reactionen und Kämpfe koſten wird.

Der Formalismus des Lehrers prägt ſich nun in didaktiſcher Hinſicht auf's ſchärfſte aus. Der formaliſtiſche Lehrer liebt vorzugsweiſe das Rechnen und betreibt es ſo enthuſiaſtiſch, daß er in allen Lehrſtunden ſo zu ſagen faſt nur rechnet und die Kinder faſt nichts als Rechnen lehrt; weil es eben beim Rechnen nicht auf die innere, weſenhafte Beſchaffenheit der Dinge, nicht auf die Natur der Sachen, Kräfte und Geſchäfte, ſondern nur auf deren Form- und Maß⸗ verhältniſſe nach Zeit, Raum und Zahl ankommt. Er rechnet ſchon im Anſchauungsunterrichte und lehrt da die Kleinen faſt blos Begriffe abſtrahiren, dieſelben verengern und erweitern, claſſificiren, trennen und verbinden, und die etwa zuſammenaddirten in nichts ſagenden Urtheilen durch Sätzchen ausdrücken. Er rechnet mit den Kindern im Religionsunterrichte; er lehrt da

die Kinder mit Begriffen operiren, dieſelben über⸗ und unterordnen, allerlei Worte dazu auf⸗ 1*