Aufsatz 
Die wichtige Pflicht der Lehrer, den Gefahren des Formalismus mit aller Sorgsamkeit zu begegnen
Entstehung
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und zwar eine krankhafte, eine Gewohnheit der Menſchen und zwar eine extravagante, ins⸗ beſondere eine ſich auch im Leben thatſächlich geltend machende Denk- oder Anſchauungsweiſe und zwar eine ſchädliche, bei den Lehrern inſonderheit eine Lehrweiſe zugleich und zwar eine heilloſe. Wer weiß es nicht? Was ſich mit der Form ſeines Wortes auf ismus endigt, bedeutet nicht ſelten etwas Krankhaftes, und zwar öfters eine ſchadhafte und Schaden bringende Einſeitigkeit. Ich frage alſo, um bei meiner grundlegenden, begriffbeſtimmenden Darlegung nicht im Formalismus ſtecken zu bleiben, weiter: Was für eine Einſeitigkeit, was für eine krankhafte Neigung, Gewohnheit, Denk-, Anſchauungs- und Lehrweiſe iſt denn nun eigentlich der For⸗ malismus?

Wenn ihr einen Menſchen höret, welcher ſei es, um ſein Unvermögen zu verdecken, ſei es, um kritiſirend zu glänzen mit allgemeinen Redensarten viel über einen Gegenſtand ſchwatzt, ohne auf deſſen eigenthümliches Weſen ſachlich einzugehen; welcher mit allen möglichen Seitenſprüngen um den Gegenſtand ſich herumbewegt, indem er unter Anwendnng der mannich⸗ faltigen Gedankenformen(oft denkgewandt und begriffsgeübt) ſelbigen Gegenſtand dreht und wendet, ſchiebt und legt, betaſtet und kritiſirt nach ſeinem Raum- und Zeitverhältniſſe, nach Geſtalt und Umfang, nach der Möglichkeit und Nothwendigkeit, ſowie nach zahlloſen anderen Formverhältniſſen, nur nicht nach ſeinem inneren Weſen und Werthe, ſodaß man aber nichts⸗ deſtoweniger im erſten Augenblicke oftmals meint, derſelbe Kritiker verſtünde Alles aus tauſend⸗ jähriger Erfahrung; wenn ihr alſo einen ſolchen Menſchen höret, welcher des Weiten und Brei⸗ ten z. B. über Natur und Naturerſcheinungen, über Kunſt und Künſte, über Staat und Staats⸗ einrichtungen, über Politik und Religion, über Sittlichkeit und Erziehung ꝛc. ꝛc. ſich ausläßt, ohne ein eingehendes poſitives Verſtändniß dieſer Dinge zu offenbaren oder zu fördern: Dann höret ihr einen Formaliſten. Die Form, die ſelbſtſtändigkeitsloſe leere Form(oft noch weni⸗ ger, als die Schale), die Raumform, die Zahlform, die Begriffsform, die Wortform mit ſämmt⸗ lichen ſich daraus ermöglichenden Verhältnißformen, kurz die Form gilt dem Formaliſten Alles; auf das eigentliche Weſen, auf die Bedeutung der Sache für Gefühl und Gemüth kommt ihm wenig an, um das inwendige Leben, um die eigenthümliche Kraft der Sache kümmert er ſich nicht. Das Worte⸗ und Sätze⸗Machen, das Abſtrahiren nnd Kombiniren, das Auseinander⸗ und Ineinanderſchachteln, das Meſſen und Vergleichen, das Multipliciren und Dividiren, kurz das Rechnen, das Rechnen mit Gütern und Waaren nach Pfunden und Ellen, mit Län⸗ dern und Menſchen, mit Soldaten und Feſtungen, mit Grafſchaften und Fürſtenthümern, mit Königen und Kaiſern, mit Seelenvermögen und Naturkräften, mit Sünden und Tugenden, mit Himmel und Hölle, nach engeren und weiteren Begriffen, nach der Einheit und Mehrheit, nach dem Additions⸗ und Subtractions⸗Verhältniß, wie geſagt, das Rechnen iſt des Formaliſten Liebhaberei. Was kümmern ihn die Sachen ſelbſt, welche ihm theilweiſe ſehr hoch hängen, oder die Perſonen, welche ihm theilweiſe ſehr ferne ſtehen; wie lüſtern er auch vielleicht nach manchen von ihnen hinſchielen mag!

Was iſt demnach der Formalismus? Der Formalismus iſt diejenige Richtung, Neigung oder Gewohnheit des Menſchen, bei Erkenntniß und Beurtheilung der Dinge, beſonders der überſinnlichen oder geiſtigen, mit vorherrſchender, kalter, neutraler Verſtändigkeit und gemüth⸗ loſer Reflexion das Gewicht hauptſächlich nur auf die an und für ſich weſenloſe Form und die abſtracten Formverhältniſſe des Dinges zu legen, ſodaß auf die innere weſenhafte Erkenntniß deſſelben oder gar auf ſeine ſittliche Bedeutung im göttlichen Weltganzen gewaltig wenig ein⸗ gegangen wird. Der Formalismus iſt alſo anders ausgedrückt diejenige Denk⸗ oder