Aufsatz 
Die obersten Grundsätze, nach welchen die Seelenlehre an Schullehrerseminarien zu behandeln ist
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12

embryoniſche Pflanzenleben zurücktretende Seelenleben des Menſchen. Es iſt an und für ſich in der Idee des Erdenmenſchen inbegriffen, liegt aber mit ſeinen aus dem Wachleben herüberreichen⸗ den Träumen in mannichfacher Abnormität. In dem auf einer erſtaunlichen, aber krankhaften Erſchließung des ſenſitiven Lebens während des Schlafes beruhenden Somnambulismus oder Schlafwandeln mit ſeinen bedeutſamen Erſcheinungen hat das menſchliche Schlafleben ſeine uner⸗ quickliche Karrikatur(Zerrbild), ſo daß das ſogenannte Hellſehen von irgend einer culturhiſtori⸗ ſchen Bedeutung niemals ſein kann. Als zwiſchen Wachen und Schlafen liegend ſtellen ſich dar die allezeit krankhaften, darum aber nicht völlig bedeutungsloſen, Zuſtände des unter vorherrſchen⸗ der Sinnenerregung in das Traumleben hineingezogenen Wachlebens, wie z. B. die Ahnung, die ſchwärmeriſche Ekſtaſe(Verzückung) und die Viſion.(Das ächte Prophetenthum hat damit nichts gemein.) 1 Unter den Zuſtänden des wachen Seelenlebens feſſeln den Pſychologen ferner zunächſt die⸗ jenigen, welche ſich gegenüber dem Einzelleben im geſelligen Gemeinleben und unter deſſen mächtigen Einflüſſen ergeben, wie ſie das zeitliche Daſein mit ſich führt. Als ſehr ein⸗ flußreiche Urſachen von unzähligen Geſinnungen, Handlungen und Verhältnißſtellungen der Men⸗ ſchen im gegenſeitigen Umgange zeigen ſich die Seelenrichtungen der Zuneigung und Abneigung, die Nachahmung, die Mode und die Gewöhnung. Gleiche Beachtung verdienen die allgemeinen Entwickelungsſtufen der Cultur und Lebensart, ſowie die Hauptunterſchiede der pſychiſchen Con⸗ ſtitutionen und Naturelle, aus welchen ſehr bedeutende Erſcheinungen des menſchlichen Gemein⸗ lebens entſpringen; das Thun und Treiben der Selbſtvergeſſenen, Rohen und Uncultivirten, der Weltbewußten, Weltverſtändigen und Weltgebildeten, ſowie der Veruünftigen und wahr⸗ haft Selbſtbewußten, wird hier zur Sprache kommen, deßgleichen die wohlthätige, ſich gegenſeitig ergänzende Art und Weiſe der Verſtandesmenſchen, Gefühlsmenſchen und praktiſchen Leute. Ferner verbreitet ſich die ſpecielle Pſychologie mit Intereſſe über die merkwürdigen Einflüſſe und Unterſchiede, welche der Abſtammung, dem Geſchlechtsunterſchiede, dem Lebensalter, dem Tem⸗ peramente und dem Clima zuzuſchreiben ſind. Endlich werden auch die bedeutenden pſychologi⸗ ſchen Einflüſſe der Erziehung, des Unterrichts und der herrſchenden Sitte, des Familien⸗ und Gemeinde⸗Lebens, ſowie der Staatsverfaſſung, und zuletzt noch ganz beſonders der herrſchenden Religion nicht übergangen werden dürfen. Damit ſchließt ſich denn das Ganze in chriſtlich er Weiſe würdig ab, kehrt alſo wiſſenſchaftlich zu ſeinem Anfange zurück. lpnaf 3) Wollte nun Jemand behaupten, die Feſthaltung des Grundſatzes der Wiſſenſchaftlichkeit tauge bei Behandlung der Seelenlehre auf Schullehrerſeminarien nicht, ſo würde ich ihm vor allen Dingen den Beweis dafür aufzuerlegen berechtigt ſein, daß Wiſſenſchaftlichkeit mit Popu⸗ larität und Praktiſchkeit ſtreite. Ich behaupte aber grade im Gegentheile, daß die ächte Wiſſen⸗ ſchaftlichkeit grade die verſtändlichſte und praktiſchſte Popularität befördert, und fuge endlich den dritten Hauptgrundſatz, wonach an Schullehrerſeminarien die Seelenlehre zu ertheilen iſt, noch hinzi, nämlich den der praktiſchen Popularität. 12 13 22 Stritte Wiſſenſchaftlichkeit mit Popularität, dann müßte man doch gewiß aller Wege auch darauf verzichten, das Syſtem der chriſtlichen Glaubenslehre in einem Katechismus fin die