Aufsatz 
Die obersten Grundsätze, nach welchen die Seelenlehre an Schullehrerseminarien zu behandeln ist
Entstehung
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nämlich der thatſächliche Umgang mit Dem, von welchem alle Ideen ſtammen, und in welchem ſie ihr Weſen haben. Seinem Grundweſen nach iſt alſo der Menſch ein religiöſes Geſchöpf, und alles Verehrungswürdige in der Welt trägt den religiöſen Charakter, ſo daß recht eigentlich die Religion der wahre Lebensathem aller menſchlichen Bethätigung iſt. Der Verluſt der Reli⸗ gion, der Abfall von Gott, die Sünde, die Geiſtesverarmung iſt die Quelle alles menſchlichen Elendes. Mißverhältniß des Menſchen zum Schöpfer und ſeiner Welt, aufreibender Zwieſpalt mit ſich ſelbſt, insbeſondere unſeeliger Widerſtreit des mächtig gewordenen Fleiſchesmenſchen wider den Geiſtesmenſchen, Zerfahrenheit der armen Seele in Irrthum, Geſchmackloſigkeit, Unſittlichkeit und Unxechtlichkeit, Kränkeln des mißbrauchten Leibes bis zum Tode, das alles iſt Ausfluß der Irreligioſität, der Afterreligioſität, der Geiſtesverarmung, wobei der heilige Geiſt der Welt⸗ ſchöpfung die Handhabe ſeines belebenden Wirkens an uns verloren hat. Gerade deßhalb aber auch in allen Menſchen die tiefe Sehnſucht nach Aufhilfe und Wiederherſtellung durch einen Geiſtesmächtigen, der als Mittler die Religion(Verſöhnung) wieder anſrichtet. Derſelbe iſt, als die Zeit erfüllet war, nach der Verheißung im Volke Gottes erſchienen; der Gott⸗Menſch Jeſus Chriſtus, der Weltheiland, welcher heiligend heilt, indem durch ihn der heilige Geiſt ausgehet von Gott dem Vater in alle Welt. Seine weltgeſchichtlich durch ihn erſtandene und regierte Heilungs⸗, Heiligungs⸗ und Umſchaffungsanſtalt iſt die chriſtliche Kirche, darin der Lebensſtrom des Geiſtes flüſſig iſt, auf daß alles Uebel aufgehoben, der Tod in das Leben ver⸗ wandelt und alle Creatur hinaufgehoben werde in das volle Licht der Verklärung. Im Lichte dieſer chriſtlichen Seelenlehre müſſen ſich nun alle einzelnen Erſcheinungen des menſchlichen Seelenlebens, welcher Art ſie auch ſein mögen, ſehr wohlthuend aufhellen. (Specielle Pſychologie.) Vor allen Dingen iſt hier zur Betrachtung zu bringen die der Seelengeſundheit gegenüberſtehende Seelenkrankheit. Die der Idee des Menſchen entſprechende Verfaſſung des Seelenlebens, worin alle ſogenannten Seelenkräfte, unter der Herr⸗ ſchaft des Geiſtes harmoniſch entfaltet, frei ſich bethätigen, iſt Seelengeſundheit; das Gegentheil davon iſt Seelenkrankheit, welche nicht ſelten in Selbſtüberdruß, Selbſthaß und Selbſtmord aus⸗ ſchlägt. Demnach hier ſtreng genommen kein Seelengeſunder; und der Abfall vom Geiſte Gottes iſt die Urſach aller Seelenkrankheit. Zu ihr ſteht die Leibeskrankheit ſtets in irgend einem Ver⸗ hältniſſe, doch in einem ſehr unterſchiedlichen. Das Verhältniß des perſönlichen Uebels zur Per⸗ ſonalſchuld hier berechnen zu wollen, iſt von Seiten des Menſchen unthunliche Anmaßung. Stei⸗ gert ſich die Seelenkrankheit ſo, daß die beiden Grundbaſen der menſchlichen Perſönlichkeit ſich ver⸗ rücken, daß alſo das Selbſtbewußtſein unter Lostrennung vom Gemeingefühle eine totale Trübung erfährt, wobei die wirkliche Welt dem Kranken aufhört ſeine Welt zu ſein; dann iſt die eigent⸗ liche ſ. g. Seelenkrankheit im engeren Sinne des Wortes vorhanden. Man pflegt Geiſteskrank⸗ heiten und Gemüthskrankheiten zu unterſcheiden. Nährung des geiſtlichen Menſchen und geiſtli⸗ ches Leben iſt das beſte Schutz⸗ und Heilmittel dagegen, abgeſehen von dem, was der leiblichen Heilkunde hierbei obliegt; Chriſtus auch hier der Arzt der Aerzte. Eiine anderweite bedeutſame Erſcheinung auf dem Gebiete des Seelenlebens iſt das dem Wachleben gegenüberſtehende Schlafleben oder das zu ſeiner Erkräftigung periodiſch in das 2*